Die ”Einzelnen in ihrer Fülle” wieder sehen und anerkennen

Aus DER RABE RALF Juni 1999

Es geht um die Rehabilitation des Einzelnen, um das Wieder-Anerkennen der Menschen in ihrer Verschiedenheit und Vollständigkeit. Das ist ja auch und gerade im Sozialismus immer verpönt gewesen. Es hat im Osten zwar nicht den ”Individualismus” gegeben, aber diesen merkwürdigen anonymen Kollektivismus, eine andere Form, wie die Leute unter den Staat gerichtet – unter-richtet – werden. Aber im Grunde meint diese Form nicht wirklich etwas anderes als die, die die Leute im Westen erlebt haben. Denn die Menschen werden in jedem Falle daran gehindert, so zu sein, wie sie ”von Natur aus” erst einmal sind. Denn wir haben ja wirklich eine ungeheure Fülle von Kräften zu unserer Verfügung. Die brauchen wir nur anzunehmen, einzuüben und anzuwenden. Vielleicht kennen Sie Sarah Haffner. Sie ist eine wunderbare Malerin. Dann soll sie doch um Gottes Willen malen. Ich schreibe immer schon wahnsinnig gern, also warum soll ich nicht schreiben. Es steht dem überhaupt nichts im Wege, daß die Leute ihre Neigungen nachgehen können und nicht immer zu dem gezwungen sind, was sie gerade nicht können. Die Frauen, die erkenntnishungrig sind, dürfen nicht in die Universität – es sei denn als Putzfrauen – und stattdessen nimmt man dann welche, die möglichst angepaßt denken. Das heißt man zwingt die Leute dauernd zu etwas, was ihnen eigentich gar nicht liegt, und dann kann natürlich auch dieser ”Überschuß” – nicht der Mehrwert! – nie entstehen geschweige denn verwirklicht werden.

Wir müßten also lernen, in diese Möglichkeit wieder zu vertrauen und uns gegenseitig ernst zu nehmen, und gerade nicht miteinander zu konkurrieren und zu rivalisieren, indem wir dem anderen immer das absprechen und bei ihm unterdrücken, was wir selber sein wollen. In der Frauenbewegung heißt das die ”Champignonkultur”. Es geht zu wie in Prokrustes’ Bett: was zu lang ist, wird abgeschnitten, was zu kurz ist, wird gestreckt. Die Homogenisierung als Gleichmachung. Diese Fülle im Menschen war immer ein Tabu, in allen patriarchalen Gesellschaften. Es geht überhaupt nicht darum, daß wir die Angst kultivieren, denn die haben wir schon kultiviert. Sondern im Gegenteil darum, daß wir lernen, uns auf uns selber zu besinnen und ”uns” auszuprobieren. Im Alltag probieren wir aus, was wir tun können, wenn wir diese Perspektive auf uns selber einmal zulassen, und wenn wir die alltäglichen Dinge, Bedinungen, Verhältnisse und Zustände, das heißt das, was zum Leben erst einmal notwendig ist, so weit wie möglich und so unabhängig wie möglich hervorzubringen versuchen. Ich sage nicht ”herstellen”, denn das Her-Stellen und das Produzieren sind andere Vorgänge, nämlich die sonst üblichen.

Das ist die Grundidee zur Subsistenz heute. Ihr Paradox ist, daß sie in Opposition und in Distanz zu einem bestehenden System geschehen müßte, also einen so bestimmbaren Doppelcharakter hat.

Warenproduktion kommt ohne Subsistenz nicht aus

Es ist außerdem nicht zu unterschätzen, daß Subsistenz auch nach ihrer Unterwerfung der Ökonomie immer noch zuarbeitet. Das heißt, sie ist Teil dieser Ökonomie geworden und kann sich von ihr nicht so leicht lösen. Sie alimentiert die kapitalistische Ökonomie, sie subventioniert sie (vgl. AG Bielefelder Entwicklungssoziologen 1978). Denn ohne Subsistenz, das heißt ohne die immer wieder neue Hervorbringung menschlichen Lebens und menschlicher Fähigkeit, überhaupt zu ”arbeiten” und da zu sein, ist diese Ökonomie natürlich gar nicht möglich. Es gibt überhaupt keine Wirtschaft ohne Subsistenz (vgl. C. Werlhof). Wir finden Subsistenz immer, aber inzwischen als unterworfene, als pervertierte, als verelendete, als immer mehr reduzierte (vgl. Veronika Bennholdt-Thomsen). Das hatte im Osten und im Westen verschiedene Formen. Im Osten bedeutete Hausarbeit zum Beispiel Industrialisierung der Hausarbeit. Im Westen ist das Phänomen ”Hausfrau“ sehr viel prominenter gewesen. Man hat diese Dinge stärker den einzelnen Hausfrauen in der Privatsphäre überlassen, und damit auch einen größeren Anteil von Subsistenz in diesem Bereich. Gleichzeitig aber hatte die Subsistenz Zuarbeit zum System zu sein, zum Beispiel die Erziehung der Kinder zu geeigneten Warenproduzenten und -konsumenten, zum ”homo oeconomicus” (vgl. Gertraude Kittler).

…aber Subsistenz ohne Warenproduktion

Es ist der merkwürdige Doppelcharakter dieser Tätigkeit, daß sie einerseits das Leben sichert, das subsistenz-los nicht sein könnte, und dieses Leben andererseits immer wieder nachschiebt, Nachschub für das System ist. Das ist dieses seltsam Prostituierte und ”Logistische” (als wären wir auch im Frieden im Krieg) auch an der modernen Subsistenz. Die ganze Gesellschaft beruht auf einer Art Zuhälterei und Kriegsökonomik (”Knappheit”). Alle diese Dinge verweisen darauf, wie sehr wir angepaßt worden sind, und wie schwierig es wäre, einerseits diese Alimentierung beizubehalten, es andererseits aber immer mehr herauströpfeln zu lassen aus diesem System, ihm seine Lebenskraft zu entziehen, es auslaufen zu lassen, sich woandershin zu orientieren, eine andere Perspektive einzunehmen. Jemand stellt sich nicht mehr zur Verfügung (vgl. Brigitte Menne). Er tut nicht das, was er soll. Er ist nicht mehr berechenbar. Er funktioniert nicht mehr wie eine Maschine.

Dieser Widerspruch ist uns oft begegnet: Die Leute sagten, ja wie könnt ihr von Subsistenz im positiven Sinne reden, als Möglichket, erst einmal die Grundlagen überhaupt wieder herzustellen, wenn doch die Subsistenz gleichzeitig dieses System erhält, denn sonst wäre es längst  zusammengebrochen. Dieser Widerspruch ist aufzulösen durch die Befreiung der Subsistenz von dieser Zuordnung und Zurichtung, die sie jetzt erfährt, von dieser Pervertierung und Verelendung.

Subsistenz ist kein Programm

Ein anderes Paradox ist, daß in der Subsistenzorientierung einerseits alles von der momentanen oder alltäglichen Situation auszugehen hätte, und zwar am besten durch viele und immer mehr Leute. Und doch geht es andererseits auch immer darum, über diese Situation hinauszugehen, und jeder Einzelne muß sich immer wieder neu und selber dazu entscheiden. Da ist kein Programm, das man vorschreiben oder befehlen und hinter dem sich der Einzelne verstecken kann. Sondern Subsistenz ist eine verdammte und immer neue und alltägliche und möglicherweise mehrmals am Tag zu treffende Entscheidung, eine andere Geisteshaltung, die jeder und jede letztlich mit sich selber auszumachen hätte und hat, wenn man sich auf diesen Weg begibt. Denn man steht immer wieder vor denselben Fragen, vor denselben Problemen, wo man auch ist, und muß sich dann entscheiden, ob man eine solche abweichende Perspektive wagt und wie man sich ihr entsprechend verhalten kann, auch wenn einen niemand unterstützt. Da hat man plötzlich viel zu tun, und das Leben ist gar nicht mehr langweilig.

”Die Fülle im Menschen war in allen patriarchalen Gesellschaften ein Tabu.”

Hier geht es aber keineswegs um isolierte Privatmenschen, die irgend so einem Luxus frönen und sich unpolitisch verhalten. Das ist ja oft die Vorstellung vom Einzelverhalten: Als politisch förderlich gilt immer nur das, was wir kollektiv und innerhalb der Institutionen, organisiert und öffentlich tun. Das ist falsch. Denn wenn man sich ”subsistent” verhält, und sei es in irgendeinem kleinen Viertel oder einfach nur für sich selber, dann merkt man als erstes: es hat eine Wirkung. Man muß das einmal ausprobieren und herumexperimentieren. Die Leute merken sofort, hier macht jemand etwas anderes. Wie kommt es, daß das nicht berechenbar ist, was der tut. Da reagiert einer nicht auf irgendein Angebot, für Geld alle möglichen Schweinereien zu machen. Das tut der einfach nicht, obwohl er das Geld dann nicht kriegt und es womöglich gut hätte gebrauchen können. Das erstaunt die Leute ungeheuer, und sie merken dann, das da etwas in Gang kommt, daß etwas ohne ökonomisches Kalkül läuft.

Gewisse Leute fangen an, einander zu erkennen. Sie fangen an, sich zu vertrauen. Sie merken, aha, das ist der und der. Sie ”wissen” es plötzlich. Die sich gegenseitig erkennen, tun sich zusammen. Und das ist ein Zusammentun, das nicht eine mechanische Solidarität ist, sondern da wissen die Leute wirklich warum und mit wem sie es zu tun haben. Sie werden wie Menschen dieser Opposition und Dissidenz.

Ein anderes Beispiel ist die Erziehung der Männer zu gewalttätigen Menschen, die ”Ramboisierung” (vgl. Maria Mies 1993) als ihre Form der „Einfügung“, der „Ruhigstellung“. Die Männer fangen an, sich dagegen zu wehren. Es gibt eine Reie von jungen Männern, die sind dieses patriarchale Männerbild des Soldaten, Kriegers, Räubers, des Odysseus-Typus, der mit Lug und Trug, vergewaltigend, belügend, betrügend denkt und handelt, gründlich satt. Das sollte der ideale Mann sein?

Die Männer sind also aufgerufen, ebenso wie die Frauen, sich aus ihrer Form der Einfügung in das System zu befreien. Das wäre wirklich Befreiung, wenn die Männer sagen: wie könnt ihr uns das zumuten? Das machen wir einfach nicht mit. Den Aufruf zur Gewalt lehnen wir ab. Diesen Stolz können sich die Mäner ruhig mal zulegen.

…und kein Modellprojekt

Bei dem, was hier jetzt vielleicht beginnt, geht es aber zunächst einmal um anderes.

Was einige in der Sozialökologie und in der Kommune-Bewegung jetzt machen wollen, ist ein Projekt, also eine Sache, die irgendwo einen Anfang und ein Ende hat, in der bestimmte Leute sind und nicht alle möglichen, und die das auf bestimmte Weise verwirklichen wollen, nämlich mit der Landwirtschaft und vielleicht auch mit dem Handwerk. Sie gehen also auf einen Hof, und das Problem ist natürlich, daß das eine Art Modellcharakter hat, und Modelle sind eigentlich ungeeignet für Subsistenz.

Modelle gehorchen dem Prinzip der Enklave. Die Enklave – ein Wort aus der Kolonialzeit – ist das Industrieunternehmen oder der Großgrundbesitz von reichen Ausländern irgendwo in der (äußeren oder inneren) Kolonie. Da sitzt einer plötzlich mittendrin und hat damit eigentlich überhaupt nichts im positiven Sinne zu tun. Die Enklave saugt vielmehr alles um sich herum aus.

Es kann nun passieren, daß dieses Modell, das sich immer wieder innerhalb dieses Systems quasi von allein herstellt, durch Subsistenz als ”Projekt” neu auftaucht, zum Beispiel dadurch, daß man auf einmal als Arbeitgeber in der Region erscheint und sich möglicherweise „gezwungen sieht“, andere Leute auszubeuten. Es ist wie mit der Diskussion über die Genossenschaften – auch eine alte Gemeinschaftsidee – daß irgendwann alle entweder zu kapitalistischen Unternehmen werden oder zu staatsähnlichen Unterdrückungsorganen.

Was soll man tun, damit diese Entwicklung nicht eintritt? Es ist ja sehr schwierig zu verhindern, daß sich die bestehenden Mechanismen doch durchsetzen, und zwar durch niemand anderen als durch einen selbst. Das heißt, auch im Inneren einer Gruppe kann es zu so großen Schwierigkeiten kommen, daß nicht klar ist, wie man unter einer Subsistenzperspektive damit umgehen kann, zumal wenn ökonomische Not auftauchen sollte oder wenn es sonst einen Vorteil darstellt, auch vielleicht einen vetretbaren, gewisse Dinge wieder zu tun, die man schon hinter sich gelassen hatte. Dafür opfert man dann die Perspektive, und das rechtfertigt wieder irgendeine Moral. Anschließend mobilisiert man, um zu rechtfertigen, daß man nun doch wieder den „Systemweg“ gegangen ist, wenn auch vielleicht nur ein Weilchen, und das wird dann schwierig, weil es Konflikte gibt, die das Ganze sprengen können. Das kann man dann nicht mehr einholen. Man kann es nicht wieder zurücknehmen. Moral demoralisiert.

Deshalb hier der Vorschlag, daß sich solche Projekte durch eine „Eigenforschung“ und eine „begleitende Aktionsforschung“ selber reflektieren und auch mit anderen austauschen, um so etwas möglichst zu vermeiden. Ich sehe da eine große Gefahr, daß etwas herausgehoben wird, ein ”Projekt”, das vielleicht auch noch in Isolation gerät zu seiner Umgebung, die ja auch nicht gefragt worden ist. Man hätte das ja mit den Leuten an Ort und Stelle genauer besprechen können, die sich schon wieder hintergangen fühlen. Alle diese Dinge müssen nach unseren Erfahrungen eigentlich geschehen, damit die Sache einen guten Anfang hat und sich auch gut entfalten kann und aus manchen dieser Widersprüche herauskommt. Andererseits ist es natürlich auch gut, daß erst einmal etwas Konkretes passiert, und es bleibt nicht so diffus wie die Einzelaktivitäten, die immer wieder verschwinden und eigentlich gar nicht so sichtbar sind, außer für die, die damit beschäftigt sind.

Bei einem ”Modell-Projekt” ist jedenfalls die Verführung groß, sich doch für etwas Besseres zu halten oder den institutionellen Mechanismen wieder auf den Leim zu gehen. Dies kann auch durch bestimmte Angebote von außen geschehen. Da soll zum Beispiel eine Dorfentwicklung passieren, und wir wissen alle, Dorfentwicklungspläne sind immer wieder die gleichen rund um die Welt. Sie zerstören erst einmal das, was an Subsistenz womöglich noch da ist. Dazu ist es ja ein großer Widerspruch, wenn das Projekt sich als Subsistenzprojekt versteht. Innerhalb einer Tätigkeit des Staates, der Subsistenz im Prinzip bisher vernichtet hat, ist Subsistenz eher eine Unmöglichkeit. Ich meine, das geht nicht. Vielleicht müßte dieses Projekt sich als erstes gegen die ”Dorfentwicklung” und damit gegen seine eigenen Gründungsbedinungen stellen. Das kann sein. Und es ist dann schon sehr viel von den Leuten verlangt, daß sie das, zumal ohne Unterstützung von Gruppen außerhalb, tun sollen.

Blut und Boden?

Eins verträgt Subsistenz nicht, und das ist Herrschaft, sei sie innerhalb oder außerhalb entstanden. Die patriarchale Herrschaftsidee insgesamt, die schon viel früher als der Kapitalismus begann, ist es ja, an der Subsistenz immer wieder zugrunde geht oder pervertiert wird. Was Subsistenz allerdings gut verträgt, ist der berühmte Ungehorsam, den wir uns endlich einmal aneignen sollten: Abschied vom ökonomischen oder taktisch-strategischen oder moralischen Kalkül.

Interessanterweise bekommt man dagegen immer den Faschismusvorwurf zu hören, wenn man über Subsistenz redet. Wenn es um die Grundlagen geht – denn wir müssen ja alle essen, irgendwo müssen die Menschen herkommen – dann wird gleich geschrien: Blut und Boden! Währenddessen scheren sich die wirklichen Faschisten überhaupt nicht darum. Würden die vielleicht in einem Subsistenzprojekt leben wollen? Da gibt es also auch auf der ideologischen Seite viel zu tun, zumal sich eine Subsistenzperspektive auch mit der linken Ideologie nicht verträgt. Es ist ja leider so, daß die Linke besonders bauern- und frauenfeindlich sowie naturzerstörerisch gedacht und gehandelt hat, indem sie immer die Arbeiterklasse, die ja durch die Industrie geschaffen wurde und von ihr abhängt, zum alleinigen ”Subjekt” und alle anderen für unwichtig erklärt hat. Da muß man also auch Erfahrungen machen, wie man damit umgeht, und eine andere als die Links- Rechts-Perspektive entwickeln. Das findet ja auch schon statt.

Claudia von Werlhof

Literatur:

AG Bielefelder Entwicklungssoziologen (Hrsg.): Subsistenzproduktion und Akkumulation, In: Bielefelder Studien für Entwicklungssoziologie 5/79

George Bataille: Die Aufhebung der Ökonomie. München 1975

Veronika Bennholdt-Thomsen: Subsistenzproduktion und erweiterte Reproduktion. Frankfurt 1981

Gertraude Kittler: Hausarbeit. München 1980

Brigitte Menne: In Erscheinung treten. Linz 1992

Maria Mies: Frauenbewegung. Köln 1993

Claudia v. Werlhof: Die Zukunft der Entwicklung und die Zukunft der Subsistenz. Bielefeld 1987

Text nach: ”Subsistenz – Abschied vom ökonomischen Kalkül”, Vortrag an der Humboldt-Universität Berlin am 25.1.93.


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