Was haben die Hühner mit dem Dollar zu tun?

„Subsistenz“ – Selbstversorgung als Perspektive

Der Begriff „Subsistenz“ wird verwendet, um vorindustrielle, „primitive“, „stagnierende“ oder „naturalwirtschaftliche“ Gesell­schaften zu kennzeichnen. Heutige Subsistenz – etwa im Bereich der ländlichen Produktion zur Selbstversorgung oder in der Haus­arbeit – wird dementsprechend meist abwertend als „zurückgeblie­ben“ oder „unterentwickelt“ eingeordnet.

Warenproduktion – Plünderung der Natur

Für uns ist Subsistenz sowohl das Gegenteil als auch die dauernde Grundlage der modernen Industriegesellschaft. Ohne Subsistenz keine Warenproduktion, aber ohne Warenproduktion sehr wohl Subsi­stenz. Subsistenzproduktion ist in allen Gesellschaften nötig, weil sie die alltäglichen und dauerhaften Grundlagen des Lebens – in Mangelzuständen des Überlebens – schafft.

Die Formen der Subsistenz sind historisch großen Veränderungen unterworfen (gewesen). In welcher Gestalt die Subsistenz auch immer auftritt, sie wird auch in Zukunft die Grundlagen von Leben, Ökonomie und Gesellschaft bilden. Von der modernen Waren­produktion kann man dies nicht behaupten. Nicht die Subsistenz-, sondern die Warenproduktion ist das, was wir uns schon bald nicht mehr werden leisten können, weil sie nichts hervorbringt, sondern lediglich Vorhandenes in Geld und Kapital verwandelt und dabei zerstört. Dies wird am Ökologieproblem und am sogenannten Roh­stoffproblem besonders deutlich. Denn es ist ja nicht die Subsi­stenz, sondern die Warenproduktion, die zu derartiger Verschwen­dung und Vernichtung, Verelendung und Entfremdung geführt hat.

Die meisten Leute verstehen zunächst einmal nicht, warum Subsi­stenz eine so allgemeingültige Kategorie ist, daß man sie der Ware gegenüberstellen und mit ihr vergleichen kann, ja, daß der Begriff der Subsistenz über den der Ware hinausgreift. Denn die Subsistenz ist heute in der Tat nur lückenhaft vorhanden, der Warenproduktion untergeordnet, nur in wenigen Bereichen überhaupt sichtbar und insgesamt so reduziert, entwertet und ihrerseits verelendet, daß sie, so gesehen, wohl kaum als geeignete Grundla­ge für irgend etwas Positives erscheinen mag.

Zurück in die Steinzeit?

Eine quantitative und strukturelle Betrachtungsweise hilft hier auch nicht weiter. Erst wenn Subsistenz auch als Qualität und Prozeß gesehen wird, wird etwas von ihrer Bedeutung erkennbar.

In der gesamten Menschheitsgeschichte, bis auf die letzten vier­hundert oder sogar nur zweihundert Jahre, hat die Subsistenz, nicht die Warenproduktion die Gesellschaft und deren Ökonomie geprägt. Nicht, daß es die Warenproduktion nicht gegeben hätte, aber sie war von zweitrangiger Bedeutung, hielt – sofern sie eine maßgebliche Stellung erlangte – nicht lange vor (wie im Römischen Reich) und hatte einen anderen Charakter als die heutige: Die Warenproduktion führte nicht zur Unterordnung der Subsistenz, zur Ausplünderung der Natur, zur kolonialen Unterwerfung der Welt und der Polarisierung der Geschlechter. Eine Ahnung davon, welcher Zugang zur Welt Subsistenz in vorindustrieller Zeit überall eröffnet, finden wir heute nur noch in wenigen Gebieten der Erde.

„Ja, willst du denn zurück in die Steinzeit?“ wird an dieser Stelle oft eingewendet. Wenn man sich unter „Steinzeit“ nicht das vorstellt, was wir erst heute im Begriff sind zu erfinden – nämlich eine verseuchte, unfruchtbare Wüste -, dann würde ich ohne weiteres antworten: Wenn wir die Wahl hätten, da wieder anzufangen, wo der Weg in die Irre gegangen ist, würde ich sofort ja sagen, auch wenn wir dann bis in die Steinzeit zurück müßten. Im übrigen waren die Steinzeitgesellschaften entgegen ihrem heutigen Ruf vergleichsweise reiche Gesellschaften. Sie hatten nicht nur das, was sie brauchten, sondern auch eine Vielfalt und einen Überfluß an Lebensnotwendigem, nicht nur der Nahrung. Den Mangel, wie wir ihn heute kennen, hat erst die kapitalistische Warenproduktion hervorgebracht.

Aber die Wahl eines Zurück haben wir gar nicht. Wir können nur versuchen, die neue Steinzeit, d.h. den Mangel an allem Lebens­notwendigen, zu verhindern. Denn das kommt unweigerlich auf uns zu, wenn wir uns nicht der Subsistenz wieder erinnern.

Selbstbestimmung statt „Versorgung“

Dieses Wiedererinnern ist heute bereits sehr schwer gewor­den. Denn inzwischen ist die Subsistenz einerseits der Modernisierung zum Opfer gebracht, andererseits neu erfunden worden, aber nun als der Warenpro­duktion untergeordnet, von dieser kontrolliert und immer wieder ausgesaugt.

Der Verlust an Subsistenz, den wir in den letzten Jahrhunderten und Jahrzehn­ten erlitten haben, ist insbesondere dadurch gekennzeichnet, daß die Menschen heute abhängig geworden sind. Sie sind nicht mehr fähig, ihre Lebensgrundlagen durch eigene Tätigkeit selber zu gestalten. Dazu fehlen ihnen inzwischen die Produktionsmittel, aber auch die Kenntnisse und Fertigkeiten, eine entsprech­ende soziale Organisation, ja das Bewußtsein über die Bedeutung dieser grund­legenden Verfügungsgewalt. Die meisten Menschen finden es selbstverständlich, daß sie heute „versorgt“ werden müssen, sei es vom Staat, sei es von einem „Ernährer“, sei es mit Geld und über den Markt, d.h. vom Kapital. Sie fordern sogar noch mehr Versorgung und damit mehr Abhängigkeit, mehr Entmündigung, mehr Angewiesenheit auf „Experten“, mehr Kontrolle. Jede Vorstellung davon, was ein würdevolles, eigenständiges, eigen-mächtiges, souveränes und letztlich liebe-volles Dasein an Subsistenz geknüpft sein könnte, ist jedoch noch mehr aus dem Gesichtskreis der heute möglichen Erfahrungen verschwunden, weil die derzeitige Subsistenz noch abhängiger und elendmachender erscheint als selbst die Warenproduktion.

Arbeit – Last oder Lust?

So wird insbesondere die Arbeit der Subsistenzerhaltung, weil sie vor allem auch Handarbeit und körperliche Arbeit bedeutet, am meisten abgelehnt. Gerade weil Subsistenzarbeit inzwischen ihrer geistigen, emotionalen und kulturellen Grundlagen beraubt ist, erscheint sie nur noch als eine Last, von der man/frau sich soweit wie möglich zu befreien versucht. So gesehen wirkt es regelrecht als Zumutung, von Subsistenz als Perspektive zu sprechen – ist man/frau doch froh, sie endlich hinter sich gebracht zu haben oder demnächst hinter sich bringen zu können (Beispiel: die Verweigerung der Hausarbeit, des Gebärens und Kinderaufziehens und anderer Subsistenztätigkeiten seitens der Frauen, während eine Verweigerung von Lohnarbeit und anderer Warenproduktion, wie z.B. auch der Prostitution, nicht zur Debatte steht).

Aus dieser Krise der Arbeit scheint nur ein Weg zu führen: die Abschaffung der Arbeit als Last, wo immer möglich. Aber nicht in Erwägung gezogen wird: die Neugestaltung der Arbeit als Lust, die sie auch sein kann, wenn sie in Subsi­stenz-Zusammenhängen ohne Diktatur der Warenproduktion geschehen kann.

Subsistenz als Ausweg

Damit ist schon angedeutet, daß „Subsistenz“ nicht nur als einordnender Be­griff für die (stets unsichtbar gemachte und unterdrückte) Grundlage der Kapitalbeschaffung und der industriellen Warenproduktion wichtig ist, zum Verständnis der Vergangenheit und der Gegenwart. Subsistenz hat auch eine utopische Dimension. Subsistenz beschreibt sowohl den Weg als auch das Ziel unserer Versuche, einen Ausweg aus dem Industriesystem zu finden.

Daß diese utopische Dimension des Subsistenzbegriffs von vielen immer noch als Spinnerei abgetan wird, liegt zum einen daran, daß heutige Subsistenz ein Ergebnis der Warenproduktion ist und immer wieder (und immer mehr) selbst in Warenproduktion verwandelt wird. Die Subsistenz ist der Bereich, in dem sich die Ausbeutung von Mensch und Natur am Ende niederschlägt. Sie ist die Sub­stanz, die die Warenproduktion und ihre Maschinerie antreibt und davon aufge­sogen wird. Subsistenz ist das, was an der „Arbeitskraft“ lebendig, „Natur“ ist.

Zum anderen liegt die Ablehnung der Subsistenz als Utopie auch daran, daß die Utopien, die bisher der kapitalistischen Warenproduktion entgegengestellt wurden (also die Utopie des wissenschaftlichen Sozialismus und andere linke Utopien), stets den weiteren Ausbau der Industriegesellschaft, vor allem ihrer Technologie und ihrer Wachstumsideologie, voraussetzten – also die Industrie­gesellschaft nicht grundsätzlich in Frage stellten.

Geld oder Leben!

Zu diesen Utopien gehört auch die Vorstellung von der „nachholenden Entwick­lung“. Die ausgebeuteten Länder der Dritten Welt versuchen durch „Entwick­lung“, sich dem Modell der Länder des Nordens anzunähern – vergeblich, wie wir wissen. Und die Frauen versuchen, durch „Gleichstellungsbeauftragte“, Quotie­rungen und andere Anstrengungen an das Niveau der Männer heranzukommen. Diese Utopie beruht aber, wie inzwischen immer klarer geworden ist, auf der fortge­setzten Ausbeutung und Unterwerfung der Natur, der fremden Völker und der Frauen (auch der „gleichgestellten“). Die zunehmende Naturzerstörung, der zunehmende Hunger in der Dritten Welt und die zunehmende Gewalt gegen Frauen zeigen in aller Deutlichkeit den Bankrott dieser Utopie. Es ist nicht nur unmöglich, daß alle Menschen auf der Welt den Lebensstandard eines deutschen Durchschnittsbürgers erreichen – es ist auch gar nicht wünschenswert.

Neben dieser allgemeinen Einsicht – daß die Utopien, die auf dem weiteren Ausbau der Industriegesellschaften beruhen, nicht in eine gute Zukunft, son­dern nur in die Zerstörung aller Lebensgrundlagen führen – zeigt die Ratlosig­keit der Ökonomen anläßlich der umfassenden Krise im Osten und der sich ver­tiefenden Krise im Westen, daß der Weg des Aus- oder Umbaus der Industriege­sellschaft in eine gefährliche Sackgasse geraten ist. Die Gewerkschaften und die Führer der SPD haben angesichts dieser Situation nichts anzubieten als „etwas mehr vom Altbekannten“. Angesichts des Bankrotts der alten sozialisti­schen und kapitalistischen Utopien ist es notwendig, sich auf das zu besinnen, was lebensnotwendig ist: Wir brauchen nicht mehr Geld, wir brauchen mehr Leben.

Subsistenz statt „Entwicklung“

Angesichts des Bankrotts der alten sozialistischen und kapitalistischen Utopien ist es notwendig, sich auf das zu besinnen, was lebensnotwendig ist: Wir brauchen nicht mehr Geld, wir brauchen mehr Leben.

Uns ist inzwischen klar geworden, daß dieses Leben nicht einfach vorhanden ist, sondern in vielfältiger „Arbeit“ der Natur und der Menschen – vor allem der Frauen – geschaffen und erhalten wurde und wird. Männer haben sich seit der Neuzeit an dieser lebenschaffenden und -erhaltenden Arbeit nicht sehr beteiligt, sondern sich auf die geldschaffenden Arbeiten und die gewaltsame Unterwerfung der Natur spezialisiert.

In diesem Sinn ist Subsistenz nicht nur „Selbstversorgung“ und ein ökonomischer Begriff, sondern auch ein Begriff, der unmittelbar mit dem Umgang mit der Natur, uns selbst und uns untereinander zu tun hat: Subsistenz ist zugleich Kultur, ist gesellschaftliche Organisation, ist Zugang zur Welt und Umgang mit ihr. Subsistenz ist „ökologisch“, wie man heute sagen würde, schafft Freundschaft statt Feindschaft mit der Natur, ermöglicht eine Integration mit der Natur anstatt mit der Maschine, erfordert keinen Staat und keinen Krieg, keine Erniedrigung der Frauen und keine Gewaltherrschaft von Männern, keine Entwertung des Lebens und keine Todessehnsucht. Subsistenz ist das Gegenteil von Fortschritt und Evolution, Entwicklung und Unterentwicklung, Unendlichkeit und Knappheit, Sucht und Konsum, Information und Kommunikation.

Eine neue Ökonomie

Der Vorwurf des „Ökonomismus“ (der Verabsolutierung der Ökonomie), der uns oft gemacht wird, ist so gesehen grundlos. Die meisten Leute sind es einfach nicht mehr gewöhnt, Zusammenhänge zu sehen und z.B. Subsistenz mit Kultur, Technik und Natur in Verbindung zu bringen, obwohl von den historischen Fakten her gar keine andere Möglichkeit besteht. Der Krieg gegen die Subsistenz, der die Neuzeit kennzeichnet, hat diese Zusammenhänge bis zur Unkenntlichkeit zerstückelt.

Auf der anderen Seite finden wir durchaus, daß wir den Begriff „Subsistenz“ auch gerade deshalb benutzen sollten, weil er an Ökonomie denken läßt. Denn wir leben heute in einer Situation, die es uns leider nicht mehr erlauben wird, die Ökonomie zu vernachlässigen oder eine andere Gesellschaft auf den Weg zu bringen, ohne dies zunächst auf ökonomischer Basis zu tun.

Selbstverständlich verstehen wir dabei unter Ökonomie nicht den Beitrag der Subsistenzproduktion zur Kapitalgewinnung, wie man ihn heute beobachten kann. Sondern unter Ökonomie verstehen wir die Existenz- und Lebensmöglichkeit durch alltägliche Subsistenz – als Selbstversorgung, „Eigenarbeit“, Tausch von Subsistenzprodukten, schonenden Umgang mit der Umwelt – also auch die Verwendung anderer, nämlich handwerklicher (irgendwann einmal vielleicht wieder magischer) Techniken; all dies zunächst zur Grundversorgung überschaubarer und selbstorganisierter Gruppen, die sich an den lokal vorhandenen Fähigkeiten und Notwendigkeiten orientieren. Eine von dieser Grundlage losgelöste Subsistenz könnte sich nicht verankern, hätte keine ernstzunehmende materielle und geistige Basis und würde zur Mode oder zu einem vorübergehenden Geschäft verkommen.

Nichts Eßbares mehr?

Gerade in den sogenannten entwickelten Ländern erscheint eine solche, ökonomisch begründete Subsistenz oft als Zumutung – so als seien wir wieder in der Nachkriegszeit. Denn wir „hungern“ ja nicht und sind angeblich davon weit entfernt. Wenn wir aber sehen, wie wir den Hunger in der Dritten Welt geschaffen haben – nämlich durch nichts anderes als die laufende Vernichtung von Subsistenz – dann sollte uns das zu denken geben. Was dort ge­schieht, geschieht inzwischen auch hier. Auch hier fehlt es an Subsistenz, auch hier gibt es nach weiteren Tschernobyls nichts mehr zu essen, kein sauberes Wasser, keine gesunde Luft. Auch hier verkaufen die Leute ihre Arbeitskraft an gleich welchen Ausbeuter, weil sie ja „sonst nichts zu essen hätten“. Damit wird sogar die weitere Zerstörung von Subsistenz „gerechtfertigt“, die z.B. in Form der sogenannten Neuen Technologien betrieben wird, und die insbesondere die Bereiche betrifft, in denen noch (oder wieder) Subsistenz stattfindet.

Ins Freie!

Der ganze Weg war falsch. Das Industriesystem hat nur einen Ausgang, einen wirklichen Gegenpol: nicht die Lohnarbeit und andere Formen der Warenproduktion, sondern eine davon befreite Subsistenz. Schauen wir durch diese Tür, dann sehen wir etwas: Wir bekommen eine Perspektive. Der Weg aus den Bunkern und Ge­fängnissen der Industriegesellschaft führt ins Freie. Ins Freie auch deshalb, weil damit ein neues Verhältnis zur Natur und zur Welt sowie ein anderes Verhältnis zur Freiheit gemeint ist. Die Freiheit im Freien ist jedenfalls nicht die Freiheit, die uns seit der bürgerlichen Aufklärung vor zweihundert Jahren immer versprochen, aber doch immer nur mit der Erfindung und Durchset­zung einer neuen Unfreiheit – insbesondere der Frauen – erkauft wurde. Diesen unwürdigen Zustand der Menschen und Völker, den Zustand der „Täter und Opfer“, wollen wir endlich hinter uns bringen. Wir brauchen ein Denken, bei dem alles, was jetzt inner­halb des Industriesystems in West, Ost und Süd geschieht, bereits Vergangenheit – Archäologie – ist.

Im Freien spüren wir: Die Subsistenz liegt schon in der Luft.

Claudia v. Werlhof

Text nach: „Was verstehen wir unter Subsistenzper­spektive?“ In: C. v. Werlhof, „Was haben die Hühner mit dem Dollar zu tun? – Frauen und Ökonomie“. Verlag Frauenoffensive, DM 28,50.


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