Körperliche Arbeit und technischer Fortschritt

Aus DER RABE RALF Oktober 1994

Wohl nichts ist in unserer Gesellschaft mehr geächtet als körperliche Arbeit. Vereinfacht gesehen ist unser Fortschritt ein einziger Kampf gegen körperliche Arbeit. Im Grunde genommen ist dieser Kampf seine einzige Begründung und sein einziges Ziel.

Und weitgehend haben wir dieses Ziel auch erreicht. Für das, was bleibt, stellt man eben Gastarbeiter ein…

Woher kommt dieser Widerwille gegen körperliche Arbeit?

Unmittelbar aus einer unbewältigten Vergangenheit. Zu Beginn der Industrialisierung herrschten wohl unmenschliche Arbeitsverhältnisse. Kinderarbeit, Siebentagewoche, Sechzehnstundentag sind nur Schlagwörter aus dieser Zeit. Es ist wohl einsichtlich, daß die Gesellschaft aus dieser Lage heraus wollte.

Geschichtlich betrachtet könnte man sagen, daß unsere Zeit das Paradies ist, das die Menschen Europas sich um 1840 erträumten.

Ebenso kann man vereinfacht aber auch sagen, daß die Zeit um 1840 die Hölle war, von der man zweihundert Jahre vorher noch nicht ahnte, daß sie existieren kann.

Jede Betrachtung des industriellen Fortschritts muß man auf diese Weise relativieren. Die Verkürzung der Arbeitszeit zum Beispiel. Natürlich arbeitet ”man” heute täglich viel weniger und hat auch mehr Urlaub als vor hundert Jahren.

Darüber vergißt man aber zu leicht, daß z.B. im Mittelalter allein die kirchlichen Feiertage mehr arbeitsfreie Zeit garantierten als die Gewerkschaften noch heute erstrebten. Und wie die tägliche Arbeitszeit ohne künstliches Licht im Winter oder bei Sturm und Regen ausgesehen hat steht auf einem ganz anderen Blatt…

Betrogene Hoffnungen

Der technische Fortschritt hat die breiten Massen aus einem Elend gehievt, in das sie die beginnende Industrialisierung erst hineingestoßen hatte. Und: vorher gab es die Massen als solche überhaupt noch gar nicht.

Den gleichen Vorgang können wir heute in den sogenannten Entwicklungsländern verfolgen: zunächst wird das bestehende Gesellschaftssystem und damit die traditionelle Lebensweise zerstört, die orientierungslosen Massen strömen in die Elendsviertel der sich bildenden Städte und hoffen auf eine bessere Zukunft.

Wie sieht diese aus? Werfen wir einen Blick auf unsere Gegenwart, wobei ich nicht der Frage nachgehen möchte, auf welche Weise die Weltbevölkerung den amerikanischen oder europäischen Lebensstandard erreichen könnte.

Die 24 Stunden des Tages teilen sich in durchschnittlich acht Stunden Schlaf, acht Stunden Arbeit, zwei Stunden Wege und Besorgungen vier Stunden Fernsehen und zwei Stunden zur freien Verfügung – Wochenende und Urlaub ausgenommen.

Besonders während der Arbeitszeit übernehmen heute technische Vorrichtungen, was früher mit körperlicher Arbeit verrichtet wurde. Durch entsprechende Maschinen erweitert jeder Arbeiter und Handwerker seinen Aktionsradius beträchtlich. Sogar die Bauern tun dies.

Solange der Ölpreis von uns diktiert werden konnte, bedeutete jeder Einsatz von Maschinen einen materiellen Gewinn.

Für den Bauern änderte sich zwar viel, verbesserte sich bei seiner Arbeit aber wenig: statt hinter einem Pferdegespann zehn Hektar zu bearbeiten, nahm er jetzt 20 oder 30 Hektar unter den Treckerpflug. Abgesehen davon, daß das hinzugekommene Land und die maschinelle Ausrüstung teuer bezahlt werden mußten, sank der Erlös für das erzeugte Getreide. Niemand hat die Bauern von Amts wegen gezwungen, ihr Land zu verlassen: die verschlechterte wirtschaftliche Lage ließ ihnen keine andere Wahl. Sie aber war eine direkte Folge des technischen Fortschritts.

Technik bringt einseitige Belastung

Aus eigener Erfahrung kann ich darüber hinaus sagen, daß ein Tag auf dem Trecker ebenso anstrengend ist wie ein Tag hinter dem Pferd. Und dies stimmt nicht einmal: während die Müdigkeit nach einem Tag ”Pferd” Körper, Geist und Seele gleichermaßen beansprucht, ist man nach einem Tag Trecker besonders mit den Nerven runter. Körperlich ist man eher zerrüttet als müde.

Entsprechendes gilt für das Heueinbringen. Mit Pferdewagen und Heugabel ist es ein Fest. Kein Lärm durchrattert die Luft, keine Maschine bestimmt den Rhythmus. Mit der Heupresse und dem Trecker ist es eine gut geölte Plackerei.

Zu diesen Vergleichen muß gesagt werden, daß der Tagesertrag mit dem Trecker vielleicht viermal so hoch liegt wie mit einem Pferdewagen.

Der Bauer, der mit dem Ertrag der Arbeit von Hand und Pferd lebte, hatte ein weit angenehmeres Leben – was die Arbeit angeht – als derjenige, der mit seinem Maschinenpark einen mehrfachen Ertrag einfährt und diesen dann auch nötig hat.

Man darf sich nicht vom Schein täuschen lassen: natürlich ist ein Morgen Kartoffeln mit dem Trecker und den entsprechenden Maschinen schneller, einfacher und leichter als mit Hand und Pferd bearbeitet. Aber von nichts kommt nichts; besonders keine Maschinen und kein Erdöl. Am Ende müssen wir alles bezahlen.

Und was mir ein alter Bauer dazu sagte: ”Der Trecker schluckt Benzin und macht Krach. Das Pferd frißt Heu und liefert Mist.” (Vom Kunstdünger und seinen Folgen will ich an dieser Stelle gar nicht sprechen).

Ich halte mich hier an der Situation der Bauern so lange auf, weil mir diese besonders vertraut ist. Entsprechendes ließe sich aber von allen handwerklichen Berufen sagen.

Hinter diesen Überlegungen und Erfahrungen wird ein Gesetz deutlich: entscheidend bei jeder Tätigkeit ist für den Menschen der persönliche Aufwand von ihm selbst. Dieser kann körperlich, geistig, seelisch und nervlich sein. Jede Überlastung und Einseitigkeit ist auf die Dauer für den Menschen schädlich und läßt ihn unbefriedigt, krank zurück.

Unsere Gesellschaft hat den Kampf gegen körperliche Arbeit so weit getrieben, daß Herz- und Kreislaufkrankheiten heute bei uns die häufigste Todesursache sind: der zur Untätigkeit verdammte Kreislauf stellt seine Tätigkeit ein.

Lästiges Übel oder wirkliche Befriedigung

Kommen wir zur Ausgangsfrage zurück: warum dieser Kampf gegen die körperliche Arbeit?

Ich sehe zwei Antworten: einmal, da man die Bedeutung und Notwendigkeit körperlicher Arbeit nicht erkannt hatte und die Freiheit von körperlicher Arbeit als eine Freiheit vom Übel ansah. Zweitens, um den natürlichen Wirkungsgrad eines Menschen mit technischen Mitteln auf ein Vielfaches zu erweitern und damit die Menge der vom Einzelnen konsumierbaren Güter zu erhöhen.

Beide Male fiel man damit einer Täuschung um Opfer. Körperliche Arbeit an sich ist kein Übel. Wer das befreiende Hochgefühl nach zwei Stunden Basketball am Abend kennt, weiß, daß körperliche Arbeit Freude bereiten kann. Es kommt darauf an, der körperlichen Arbeit ihren Stellenwert im persönlichen Leben zurückzugeben. Zweitens: da bei materiellen Gütern der zu ihrem Erwerb nötige persönliche Aufwand das Maß der Befriedigung bei ihrem Besitz ist, haben die technischen Hilfsmittel eigentlich wenig gebracht.

Ich bin mir dessen bewußt, daß Überlegungen dieser Art nur dann zutreffend sind, wenn für die zur Diskussion stehende Gesellschaft das Existenzminimum gesichert ist. Aber war dies für uns nicht schon vor tausend Jahren der Fall?

Da ich ein vollständiges Sportstudium hinter mir habe, kann ich zur körperlichen Arbeit noch folgendes sagen:

Durch Training erweitern sich der Querschnitt der beanspruchten Muskeln und das Volumen von Herz und Lunge. Technisch gesprochen erhöhen sich beim Training Hubraum und Leistung des Motors, und der Verbrauch sinkt bei gleicher Arbeit. Dieses Phänomen ist in der Technik unbekannt: daß ein Motor mit der geforderten Leistung seine Leistungsfähigkeit erhöht. In einem Maße, das dem Laien unbegreiflich sein muß. Vergleichen wir nur die für das Sportabzeichen geforderten 7,50 m im Kugelstoßen mit den Höchstleistungen in dieser Sportart, die dreimal so hoch liegen.

Um genau zu sein: diese Steigerung ist unnatürlich, da unser “Trainingszustand” unnatürlich niedrig liegt. Zu bewundern ist vielleicht nur die Fähigkeit des Körpers, aus diesem ungesunden Tiefstand zu seinem natürlichen Leistungsvermögen zurückzukehren.

Gisbert Bölling

Der gesamte Text, erschienen unter demselben Titel als Nr. 55 der Broschürenreihe ”Der Grüne Zweig” bei W. Pieper, Löhrbach, 69488 Birkenau


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