Beziehungen statt Geld

Alternative Ökonomie braucht weder Antifa-Gütesiegel noch Schwarz-Weiß-Theorien von gestern – Nötig ist eine innovative Weiterentwicklung der Projekte-Ökonomie

Aus DER RABE RALF Mai 1997

Der alternativen und Projektszene (insbesondere Naturkost) eng und bisweilen haßverliebt verbunden, bin ich entsetzt über deren Theorielosigkeit bzw. Wissenschaftsnostalgie. Eine Perspektive sehe ich nur in einer konsequenten Diskussion (Theorieentwicklung) der projektbezogenen Ökonomie.

Wer der Gesellschaft eine Richtung weisen will darf nicht mit dem Daumen rückwärts zeigen. Ernsthafte Kritiker sind verpflichtet, nicht nur die Ideen der gerade abgesetzten Propheten oder den gegenwärtigen Stand dessen, was sie angreifen, zu kennen, sondern weiter zu denken und sich der neuesten Erkenntnisse zu bedienen.

Das beste Beispiel für die Rückständigkeit der Diskussion innerhalb der Alternativen ist der Freiwirtschaftler Helmut Creutz. Eine Veranstaltung mit ihm in Hannover wurde vor einigen Wochen vom dortigen AStA und der „Ökologischen Linken“ behindert.

Zinsknechtschaft?

Silvio Gesell hat Anfang dieses Jahrhunderts die in ihrer Einfachheit frappierende Freiwirtschaftslehre entwickelt, wonach durch Abschaffung von Zins und Grundrente (arbeitslosem Einkommen) soziale Gerechtigkeit herzustellen wäre. In der Münchner Räterepublik war er 1919 sogar Finanzminister, weshalb seine Ideen immer wieder Anklang finden. Obiges ist der Grundgedanke seiner Theorie, in Nebenaspekten war er wie alle Zeitgenossen modischen Ideen aufgeschlossen. Das irritiert einige Leute, die die inhaltliche Auseinandersetzung durch Gesinnungskontrolle ersetzen und bei Gesell (gar nicht bei Creutz) darwinistische Thesen finden, die sie ebenso bei Engels finden können, um sie zu Sozialdarwinismus, Eugenik, patriarchaler Herrschaftssicherung etc. hochzustilisieren. Gegen Creutz führen sie eine akribische und wohlbekannte Beziehungskistenforschung (wer mit wem…) vor.

Erstaunlich, daß wir uns überhaupt auf so ein Niveau herablassen müssen. Vermutlich liegt das an dem allgemein niedrigen theoretischen Niveau in Alternativkreisen. Gesell gehört ins Geschichtsbuch, und Creutz kann sein Archivar sein.

Doch möchte ich Creutz´ Ausführungen während eines Vortrages kurz vorstellen. Da wohl alle Leute knapp bei Kasse sind, fällt es ihm leicht, die Sache zu dramatisieren. Mit Genuß führt er an Hand immer neuer Diagramme ein und dieselbe Tatsache des Schulden- und Geldwachstums vor. Und dann erst die Zinsen! Alles wächst, und man kennt das ja und ist alarmiert von den Grenzen des Wachstums. So behauptet Creutz, „alle Systeme, die exponentiell wachsen, müssen kollabieren“, und jeder hat so ein simples Bild wie den aufgeblasenen Luftballon vor Augen. Wir haben ja alle nur noch drei Mark für ein Bier in der Tasche und sind geblendet von dem verschwendeten Reichtum, den Millarden, die der Schuldendienst verschlingt, was gar nicht zu sein bräuchte, denn „… wenn wir die sozialen Spannungen wirklich lösen wollen, müssen wir die monetären Ursachen lösen“. Dabei fordert Creutz allerdings nicht mehr die Abschaffung des Zinses, sondern bezeichnet diesen als einen „notwendigen Preis für die Knappheit des Geldes“ der lediglich „zu hoch“ sei. Auch bekennt er, daß man „ohne Zins nicht wirtschaften kann“.

Geld abschaffen?

„Geld ist die beste Erfindung überhaupt!“ rief Helmut Creutz den versammelten Gästen einer bestens besuchten Veranstaltung des Tauschringes Lowi im Stadthaus von Münster zu. Prominenz in Person Professor Helmstädters, Gewesener der Fünf Weisen, nahm an der anschließenden Podiumsdiskussion teil.

Interessant zu sehen, wie ein unwissendes Publikum immer noch geneigt ist, auf Nebenschauplätze der persönlichen Betroffenheit, der Vorurteile und des Sozialneids auszu-weichen. Da fragt sich, was so ein Vortrag überhaupt nützt, zumal der Vortragende in einem Stil referiert, der den vielen Overheadfolien mit Bildzeitungsclips, Witzen und schlechten Grafiken bestens entspricht. Vielleicht hält er sein Publikum für minderbegabt, kaum einer hat ja auch bemerkt, daß Creutz gar nicht mehr davon spricht, den Zins abschaffen zu wollen. Als Professor Helmstädter ihm diese entscheidende Frage stellt, knistert es gereizt im Publikum, denn er hat den Zins doch nun wer weiß wie angeprangert… aber er will ihn nicht abschaffen, und Geld schon gar nicht!

Tatsächlich geht es den Tauschringen aber um die tendenzielle Abschaffung des Geldes um es durch direkte menschliche Beziehungen zu ersetzen. Gewiß bleibt Geld mehr oder weniger eine Orientierungsmarke beim Tausch, aber eher weniger. (Dies herauszuarbeiten, wäre ein wissenschaftliches Forschungsprojekt wert. Aber hier will leider niemand forschen!)

Werner vom Tauschring Lowi brachte es auf den Punkt, als er erzählte, wie man bei verschiedenen Hotels angerufen und um Creutz‘ Unterbringung auf Tauschbasis gebeten hatte. „Welch ein Ansinnen!“ entsetzten sich die Hoteliers, doch die Chefin vom Kaiserhof fand das gut und ließ die Jungs Hecke schneiden. Muß man noch deutlicher sagen, daß die schönsten und effektivsten Transaktionen zwischen Menschen nicht vorteilhafte Einkäufe und Schnäppchen sind, sondern wenn zwei sich über einen direkten, geldlosen Austausch einig geworden sind – oder gar ein Geschenk! (Arbeit statt Kapital?)

Wir brauchen ein effektiveres Verkehrs-(Tausch-)Mittel als das Geld. Geld macht die einen gierig, die anderen arm. Geld ist gar nicht so zweckmäßig und dem wirtschaftlichen Prozeß förderlich, wie die meisten Ökonomen, auch die Freiwirtschaftler, annehmen. Geld stellt sich zwischen die Menschen, entfremdet sie voneinander und reduziert die wirtschaftliche Tätigkeit auf nicht immer optimale Inputs und Outputs. Zumindest ließe sich einiges optimieren, wenn man sich der Erkenntnisse der Informationsforschung bediente (des öfteren mit Nobelpreisen für Ökonomie bedacht).

Veraltete Diskussionen

Sowenig Creutz‘ Ideen geeignet sind, den Tauschringen und alternativen Projekten eine Orientierung zu geben, so perspektivlos ist das, was sonst noch in Alternativkreisen an ökonomischen Ideen diskutiert wird. Die Debatte um John M. Keynes und seine Staatsregulierung (vor allem bei der SPD und den Linken), um Gesell, Creutz usw. ist hoffnungslos rückwärtsgerichtet. Der Neo-Liberalismus, die Globalisierung der Wirtschaft wird nur mit dem, was früher dran war, kritisiert. Wie wär´s aber, sich der neuesten Erkenntnisse der Spiel- und Systemtheorie zu bedienen und ein „Leben nach der Globalisierung“ aufzuzei-gen?

Wie schwer sich der politische Underground mit neuen Ideen tut, zeigt sich auch bei der ökologischen Landwirtschaft und der nicht nur bei Feministinnen beliebten Subsistenzökonomie (die übrigens auch kein „Antifa-Gütesiegel“ bekommen). Das Problem dabei ist die Arbeitsintensität, also die Handarbeit; bei Subsistenz (Selbstversorgung) muß sogar die ganze Familie ran. Die vielen schönen Haushaltsgeräte, die das Leben so bequem machen, sollen weg oder reduziert werden, z.B. Waschmaschinen-Sharing. Schön wär´s, aber ich bezweifle, daß es geht. Die Subsistenzwirtschaft, wie sie z.B. von Maria Mies vertreten wird, ist deswegen unmöglich, weil die alte Familie keine Zukunft hat. Da hilft auch kein Matriarchat, das mal ein Schweizer Jurist erfunden und das es nie gegeben hat. Die „Beispiele weiblicher Subsistenzökonomie“ aus Indien und Mexiko sind schlichte Fehlinterpretationen (meine Mutter war auch Alleinverdienerin mit drei Kindern). Genauso unmöglich ist die bäuerliche Landwirtschaft, die mit einem Ideal der Selbstausbeutung operiert, von dem heute alle wegwollen! Nichts gegen die, die auf ihren Ökohöfen das Unterste zuoberst kehren. Aber spätestens wenn sie auf Anthroposophie umsatteln und der Bauer zum Sozialarbeiter wird (mangels bezahlbarer Arbeitskräfte werden therapeutische Hofgemeinschaften und soziale Projekte draus), kann man das abhaken.

Die Wirtschaft lebt doch auch von der Innovation. Kontinuierliche Massenproduktion zählt immer weniger, als wenn wer was Neues macht. Der Strukturwandel ist zur Dauererscheinung geworden, weshalb es überhaupt keine feste Struktur mehr geben kann, sondern nur noch Flexibilität. Wie kann eine diesbezügliche Theorie da nicht innovativ sein? Querdenken genügt nicht, Vordenken ist angesagt, neue Modelle, neue Forschungen über die ökonomischen Prozesse. Und das findet ja auch statt, bloß ist die Alternativbewegung zu konservativ und klebt an veralteten Begriffen. Für Keynesianismus und Freiwirtschaft werden keine Nobelpreise verliehen. (Wer jetzt sagt, Nobelpreise belohnten nur „Herrschaftswissen“, der sollte erst mal überhaupt etwas wissen.)

Projektökonomie

Dabei haben wir gerade in Deutschland seit 20 Jahren die besten Erfahrungen mit der Projekte-Ökonomie. Warum wird hier der theoretische Prozeß nicht vorangetrieben? Warum werden die verschiedenen Branchen der teilweise bereits im Mainstream übergegangenen Alternativwirtschaft nur genossenschaftstheoretisch untersucht?

Das soziale Experiment Christiania, das ökonomische Experiment Naturkost, das politische Experiment Kabouter-Freistaat harren seiner Erforscher! Bisher denken diese, fürchte ich, immer noch in den Massenkategorien: Proletariat, Industrie, Kapitalisten. Ebenso wie die moderne Gesellschaft vielschichtige, mit dem Zufall rechnende Modelle braucht, muß die Wirtschaftstheorie aufhören, an die Berechenbarkeit auch noch so vieler Faktoren zu glauben.

Dringend nötig wäre, statt auf Ideologie zu beharren, etwa die Entwicklung und die Möglichkeiten des Staatssektors zu untersuchen – wie weit er mit Altersstrukturen, Entstaatlichung des Sozialsektors, Kriegswirtschaft, von mir aus auch mit Zinsen usw. korrespondiert. In Schweden erwirtschaftet dieser Sektor 70 %, in der Bundesrepublik 50 % des Sozialprodukts, und ein Ende dieser Art von Wachstum ist nicht abzusehen. Welche hemmende oder innovative Entwicklung wird wie begünstigt? Ist eine Verlagerung gemeinschaftlicher Aufgaben auf eine regionale oder gar nachbarschaftliche Ebene denkbar? – Damit bin ich wieder bei den Tauschringen und der Projekte-Ökonomie. Möglicherweise laufen hier bereits Prozesse, und nur die Erkenntnis selbiger hinkt hinterher. Es ist ja oft so, daß die Leute lieber ihre Zeitungen von gestern lesen – weg damit!

Herrmann Cropp


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