Eine konkrete Utopie: Projekt Gutshof Pinnow

Aus DER RABE RALF März 1999

Ich habe einen Traum

Wie ich schon beschrieb, hatte ich seit langem den Wunsch, mit ähnlich gesinnten Menschen von Berlin aufs Land zu ziehen.*

Die Uckermark lernte ich erst vor ein paar Jahren kennen, indem Freunde von mir in das kleine Dorf Lindenhagen bei Prenzlau zogen.

Die besondere Attraktivität dieser Kulturlandschaft, von eiszeitlichen Formen wie ebenen Sandern, hügligen Endmoränen, Heide- und Waldgebieten, Mooren und Seen geprägt, ist das nahegelegene Biosphärenreservat „Schorfheide-Chorin“ sowie zahlreiche Naturschutzgebiete und Seenlandschaften.

In näherer und weiterer Umgebung befinden sich eine Vielzahl kulturhistorisch interessanter Orte und Bauten, wie Feldsteinkirchen, Klosterruinen, Gutshöfe und Landschlösser. Der Reiz dieser Gegend liegt in der teilweise unberührten Weite der Landschaft mit ihren Seen, Hügeln und Wäldern und seiner deutschlandweit einmaligen Artenvielfalt.

Hier liegt das kleine Dorf Pinnow, nur 90 km nördlich von Berlin entfernt. Es ist geprägt durch eine alte Pflasterstraße, Feldsteinscheunen und wenige Häuser. In der alten Mitte des Straßendorfes findet man eine Feldsteinkirche aus dem 15. Jahrhundert.

Gegenüber der Kirche befand sich das alte Rittergut mit Ställen, zwei alten Scheunen, dem Gutshaus und einer Villa für den Verwalter. Das Gutshaus wurde etwa um die Jahrhundertwende erbaut.

In dem Dorf wohnen nur wenige Menschen in etwa 20 Häusern. Die meisten siedelten sich hier erst nach 1945 im Zusammenhang mit der Bodenreform an und haben jetzt das Rentenalter erreicht. Nur vier junge Familien sind am Ort geblieben.

Ein großes Problem für die Gegend ist die hohe Arbeitslosigkeit und der damit verbundene Wegzug der Bevölkerung.

 

Arbeitslose insgesamt unter 25 Jahre über 55 Jahre
Uckermark 17 124 1 453 3 192
Männer 6 968 782 1 234
Frauen 10 156 671 1 958

(Statistische Berichte, Mai 1997)

In den zuständigen Arbeitsämtern Schwedt und Prenzlau lag die Arbeitslosenquote bei etwa einem Viertel der arbeitssuchenden Bevölkerung, bei den Frauen sogar bei 30%.

Das Arbeitsamt Prenzlau weist laut Statistik die höchste Arbeitslosenquote des Landes Brandenburg auf. Daran wird deutlich, in welcher Situation sich die Menschen dieser Gegend befinden.

Unter den Jugendlichen ist eine erhöhte Bereitschaft zu Gewalt und zur Organisation in rechtsradikalen Gruppierungen zu beobachten. Darüber wurden jedoch noch keine öffentlichen Untersuchungen angestellt.

Trotzdem versinkt das Land nicht in Lethargie und Mutlosigkeit. Es wird gebaut, erneuert und instandgesetzt.

In Pinnow gehören einige Häuser inzwischen Berlinern, die hier ihre freie Zeit verbringen, oder zum Teil auch schon hier wohnen. Zwei alte Scheunen werden privat rekonstruiert und ausgebaut und sollen dem Dorf seinen ursprünglichen Charakter wiedergeben. Das Gutshaus mit einer dazugehörenden Villa wurde nach der Wende von einem Berliner Baubüro zu Spekulationszwecken und zur Geldanlage gekauft. Zur Zeit steht es leer.

Nachdem ich mich im Dorf und in der Umgebung umgesehen hatte, konnte ich feststellen:

– In einem Umkreis von etwa 15 km gab es keinen Ort für Jugendliche. Diese trafen sich in Bushaltestellen und ähnlichen Plätzen.

– Es gab keine Angebote für ältere Menschen.

– Außer teuren Ferienhotels gab es keine günstigen Übernachtungs- und Ferienunterkünfte für junge Familien mit Kindern und Fahrradreisende.

– Es gab keine Angebote oder Betreuungsmöglichkeiten für Kinder.

– Die nächsten sozial-pädagogischen Beratungsmöglichkeiten waren zwischen 20 und 30 km entfernt.

– Das nächste Kino war 35 km entfernt.

– Zum nächsten Theater mußte man 50 km fahren.

– Auch umliegende Projekte waren von hier zwischen 30 und 50 km entfernt.

Dies sind nur die wichtigsten Punkte, die für eine gute Infrastruktur fehlen.

Dieses Dorf braucht nicht noch mehr Berliner, die nur an den Wochenenden ihre Zeit hier verbringen. Dieses Dorf braucht junge Familien, die hier leben und arbeiten wollen.

Wenn ich durch das Dorf ging, mit seiner uralten Straße, die zum See führt, gesäumt von alten Linden, wünschte ich mir, daß hier wieder viele Kinder auf der Straße herumtobten und für die Jugendlichen ein geeigneter Platz da ist, an dem sie sich treffen können. Ich wünschte mir, daß wieder junge Familien den Mut zum Leben auf dem Dorf finden. Jede Familie mit ihren Ideen und Engagement ist da eine Bereicherung. Ich wollte Familien finden, mit denen ich auf diesem Gutshof gemeinsam leben kann und Projekte planen, organisieren und umsetzen möchte.

Mein Ziel war es, insbesondere durch den Kauf des Gutshauses:

– für meine und andere Familien bezahlbaren Wohnraum zu schaffen,

– mit staatlicher Förderung Projekte im sozialen Bereich aufzubauen und langfristig zu erhalten,

– mir am Ort, durch eigene Projekte eine Arbeitsmöglichkeit zu schaffen.

Wir suchen uns

Da es fast unmöglich ist, als Einzelne (noch dazu als Frau mit wenig Geld und vier Kindern) ein Gutshaus zu kaufen, es instandzusetzen und ein Projekt zu organisieren, mußte ich nach anderen Möglichkeiten suchen.

Ich erzählte Freunden und Bekannten von dem Gutshaus und dem Wunsch, dort mit anderen Menschen zu leben und zu arbeiten. Zwei weitere Familien mit ähnlichen Interessen und Absichten aus dem Freundeskreis kamen so hinzu. Zusammen überlegten wir, wieviele Menschen wir noch benötigten. Die Mitglieder unserer Gruppe sollten Erfahrungen im organisatorischen und handwerklichen Bereich haben.

Durch Gespräche und Weitersagen fand sich eine Gruppe von fünf Familien zusammen. Sie alle hatten Interesse am Kauf des Gutshauses sowie am Zusammenleben und -arbeiten.

Da die Zusammensetzung der Gruppe für die weitere Planung und die Organisationsform von großer Bedeutung ist, möchte ich hier auf unsere Gruppe näher eingehen. Sie setzte sich zusammen aus

– 9 Erwachsenen von 24 bis 42 Jahren,

– 10 Kindern von 1,5 bis 17 Jahren:

Familie E., alleinerziehend, 4 Kinder,

Familie H., verheiratet, 2 Kinder,

Familie W., zusammenlebend, 2 Kinder,

Familie G., zusammenlebend, 2 Kinder,

B. und seine Freundin, keine Kinder.

Bei Kindern und Erwachsenen waren fast alle Altersgruppen vertreten. Auch der Familienstand war bunt gemixt. Die Gruppe der Kinder bot aus meiner Sicht ein ausgewogenes Verhältnis. Für jede Altersgruppe gab es die Möglichkeit, gleichaltrige Freunde und Freundinnen zu finden.

Die berufliche Qualifikation der Gruppenmitglieder bot ein breites Spektrum an Erfahrungen im handwerklichen sowie im sozial-pädagogischen Bereich. Das sind aus meiner Sicht wichtige Voraussetzungen für den Beginn eines Projektes, in dem zuerst einmal gebaut werden muß, bevor inhaltliche Schwerpunkte gesetzt werden können.

Zum Zeitpunkt unserer Organisation gingen drei Erwachsene einer beruflichen Tätigkeit nach, vier studierten in den Bereichen Kunst, Architektur und Sozialpädagogik, zwei waren arbeitslos bzw. in der Umschulung.

Motivation der einzelnen Familien

Familie E.: Frau E. hat ihre Kindheit auf dem Land verbracht. Sie kennt sich gut aus mit den Vor- und Nachteilen und der besonderen Problematik des dörflichen Lebens. Beruflich hat sie in der Land- und Forstwirtschaft gearbeitet und beherrscht verschiedene bäuerliche Handwerke. Mit ihrer Ausbildung zur Sozialpädagogin hofft sie eine geeignete Arbeit auf dem Land zu finden. Ihre beiden größeren Kinder müßten jedoch ihre Ausbildung in der Stadt beenden, während für die beiden kleineren ein Wechsel aufs Land relativ unproblematisch wäre.

Familie H. sucht schon lange nach einer Möglichkeit, in einer ruhigen Gegend mit ihnen vertrauten Menschen auf dem Land leben. Die Eltern arbeiten beide im künstlerisch-handwerklichen Bereich. Die fast erwachsenen Kinder haben keine Einwände gegen einen Wechsel von der Stadt auf das Land. Für die Zeit der Ausbildung würden sie jedoch in Berlin leben und nur zu den Wochenenden die Eltern besuchen.

Familie W. hat schon in Berlin ein Mietshaus für sozialen Wohnraum innerhalb eines Vereins um- und ausgebaut. Die Eltern arbeiten und studieren im sozialen und künstlerischen Bereich. Für ihre Kinder setzen sie sich engagiert in Schule und Kinderladen ein. Sie sind sehr daran interessiert, mit Freunden auf dem Land ein Haus zum Leben und Arbeiten aufzubauen. Besonders für ihre Kinder wollen sie diesen Schritt so schnell wie möglich verwirklichen.

Familie G. hat sich seit längerer Zeit mit dem Leben in modernen Lebensgemeinschaften auf dem Land beschäftigt. Die Eltern möchten mit anderen Menschen ein altes Haus bewohnbar machen, um darin zu leben und von dort aus ihre Arbeit zu organisieren. Sie sind vertraut mit der dörflichen Lebens- und Arbeitsweise, organisieren gern und hätten Spaß am Ausbau eines Hauses. Für die Kinder wäre der Wechsel von der Stadt aufs Land möglich, da sie mit der Wahl der Schule noch nicht festgelegt sind.

Herr B. hat schon viel beim Ausbau von Häusern auf dem Land mitgeholfen und dabei gute Erfahrungen gesammelt. Er hat Interesse und Spaß, mit Freunden auf dem Land zu leben und zu arbeiten. Zuerst möchte er jedoch studieren und könnte aus diesem Grund nicht sofort und immer dort wohnen.

Wir organisieren uns

Im nächsten Teil beschreibe ich die Entwicklung des Projekts und die ersten Planungsschritte für die Finanzierung und die Organisation des Gutshauses Pinnow. Einen wichtigen Raum nehmen dabei die Konzeption und mögliche Finanzierungsmodelle ein. Vorher möchte ich zunächst klären, was ich unter Entwicklung und Organisation verstehe.

„Entwicklung“ kann u.a. ein Prozeß der Veränderung sozialer Gebilde bis zu einem Endzustand hin sein.1  Wir sind fünf Familien, die als gemeinsames Ziel den Kauf des Gutshauses Pinnow haben, um darin zu leben und zu arbeiten. Damit hätten wir die Möglichkeit, unsere gesellschaftlichen Lebensverhältnisse bewußt neu zu gestalten. Wir wollten jedoch nichts „übers Knie“ brechen. Die Gruppe sollte sich bewußt geplant entwickeln. Dazu war auch ein gewisses Maß an Zeit notwendig.

„Organisation“ bedeutet die bewußte Planung des zielgerichteten Handelns einer Gruppe oder Institution.1  In diesem Fall ist Organisation als Tätigkeit zu sehen und bedeutet für uns vor allem das planmäßige Ordnen der wichtigsten Schritte zur Erreichung unseres Ziels, dem Kauf des Gutshofes.

An dieser Stelle möchte ich auch noch einmal auf die Bedeutung des Begriffs „Projekt“ eingehen, da hier immer wieder die Rede davon ist.

Projekte sind Vorhaben mit definiertem Anfang und Abschluß, die durch die Merkmale zeitlicher Befristung, Einmaligkeit, Komplexität und Neuartigkeit gekennzeichnet sind und wegen ihres interdisziplinären Querschnittcharakters eine vorübergehende organisatorische Veränderung und damit verbunden auch eine Neufestlegung der Aufgabenbereiche bewirken können.“ 2

Unter einem Projekt können “ungewöhnliche Vorhaben” verstanden werden. Diese sind gekennzeichnet durch:

– einmalige Abläufe,

– definierbare Anfangs- und Endzeitpunkte,

– Aufgabenstellung und Zielsetzung,

– die Beteiligung mehrerer Menschen,

– Komplexität.2

In unserem Fall sind alle diese Punkte gegeben. Wir sind eine Gruppe von fünf Familien, die das gemeinsame Ziel haben, den Gutshof zu kaufen. Dazu müssen wir herausfinden, welche Wege uns zur Verfügung stehen. Es müssen Finanzierungsmöglichkeiten gesucht und Kaufverhandlungen geführt werden. Dazwischen sind viele kleine Schritte zu organisieren.

Inger Elsner

Literatur:

1 Lexikon der Soziologie, Westdeutscher Verlag, Opladen 1973

2 Bernd J. Madauss, Handbuch Projekt Management, Schäffer-Poeschel Verlag, Stuttgart 1994

Aus ”Grenzen und Möglichkeiten von modernen Lebensgemeinschaften als zeitgemäßer Ansatz im sozialen Bereich, dargestellt am Beispiel einer konkreten Utopie: Leben, Wohnen und Arbeiten in einer dörflichen Gemeinschaft im Land Brandenburg”, Diplomarbeit, FHSS Berlin, 1997.


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