Die Lebensreformbewegung

Aus DER RABE RALF Juni 1998

Die Lebensreformbewegung setzt sich aus mehreren Teilbewegungen zusammen, deren gemeinsames Ziel in der Forderung einer natürlichen Lebensweise, einer Erneuerung der gesamten Lebensführung auf dem Gebiet der Ernährung, Kleidung, Wohnung und Gesundheitspflege besteht. Sie ist eine Reaktion auf die Folgen der Hochindustriealisierung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts: städtische Überbevölkerung, steigende Bodenpreise, Bodenspekulation, Umweltbelastung, Alkoholismus, Ernährungsprobleme und auch Moralverfall. [1]

Vegetarismus

Die fleischlose Ernährung ist Kern der Lebensreformbewegung: anfangs religiös inspiriert und von einer protestantischen Askese-Haltung geprägt, stehen bald ökonomische, gesundheitliche und moralische Motive (pazifistische Ideale, Tierliebe, Ablehnung von Tierversuchen etc.) im Vordergrund. In engem Zusammenhang damit steht die Antialkoholbewegung, deren praktische Lebenshilfe mit der Errichtung von Trinkerheilanstalten und Volksküchen gemeinschaftlich angelegt ist.

Naturheilkunde

Die Naturheilkunde lehnt moderne Medikamente und den Impfzwang ab und betrachtet Krankheiten als Störung des Gleichgewichts zwischen Mensch und Kosmos durch die Verletzung der naturgemäßen Lebensweise. Sie unterliegt damals wie heute vielerlei Einflüssen aus noch in Einklang mit der Natur lebenden Völkern. Die Selbstheilungskraft des Körpers soll durch Diät, Massage, Bäder und Wasserbehandlungen gestärkt werden. Dem Ideal eines natürlichen Lebens entsprang auch die FKK-Bewegung.

Bodenreformbewegung

Bürgerlich-radikaldemokratische Vereine verlangen die Verstaatlichung des Grundbesitzes. Bald reduzieren sich die Forderungen auf die Besteuerung von Grundstücken und des kommunalen Grundeigentums. Es entstehen Gartenstadtgesellschaften auf genossenschaftlicher Grundlage (siehe nächste Folge).

Siedlungsbewegung

Die Siedlungsbewegung, die von der Jahrhundertwende bis Anfang der zwanziger Jahre aktiv war, geht noch einen Schritt weiter, verwirklicht häufig die Gütergemeinschaft und stellt strenge lebensreformerische Ziele für ihr Zusammenleben auf. Zwei der herausragendsten Beispiele bestehen noch in veränderter Form: die Obstbausiedlung ”Eden” bei Oranienburg und die Siedlung ”Monte Verità” bei Ascona (Schweiz).

Eden besteht seit 1893. Ein Teil des Landes wurde mit Wohnungen bebaut, der Rest genossenschaftlich genutzt. Gemeinschaftlich wurde mit der Herstellung von Säften, Marmeladen und anderen ”Reformwaren” der Ausstieg aus der ”Streßgesellschaft” von pflastermüden Städtern, einer ganzen Anzahl von Sonderlingen und Sektierern aller Art praktiziert. [2]

Monte Verità wird ebenfalls vor Ende des 19. Jahrhunderts im Zuge der Lebensreformbewegung gegründet, beherbergt heute allerdings nur noch ein Museum. Zuerst trifft sich dort die anarchistische Bewegung ganz Europas, darunter Bakunin und Erich Mühsam. Später gründen Henri Oedenkoven und Ida Hoffmann die ”Vegetarische Kolonie”. Licht- und Lufthütten aus Holz entstehen, ein Haupthaus, mehrere Wohnhäuser und ein Sanatorium wird gebaut, es gesellen sich die Theosophen und die Antroposophen dazu, und unter Rudolf von Laban wird eine Schule für Ausdruckstanz weltbekannt. Ist Ascona auf der einen Seite ein Rückzugsort für Entwurzelte, Aussteiger, Utopisten, Heilslehrer und Träumer, suchen gleichzeitig oft fortschrittliche, meist anarchistisch orientierte Künstler die Begegnung mit dem Licht und den Farben des Südens.

”Rückwärtsgewandte Utopie”

Die Ausbreitung der Lebenreformbewegung war wegen ihrer bürgerlichen Herkunft begrenzt, obwohl [oder besser weil – d.S.] ihre Anhänger hohes Sendungsbewußtsein und einen gewissen Eliteanspruch besaßen. Als ”rückwärts-gewandte Utopie” bezeichnet Frecot diese Mischung von Vergangenheitsbeschwörung und utopisch-revolutionären Zügen, die sich im ”Schwanken zwischen utopischer Hoffnung auf einen individualistischen, naturnahen und kulturell-geistigen Sozialismus und Motiven des Rückzugs in eine geordnete vorindustrielle Welt” ausdrückt. [1]

Die politischen Haltungen reichen von sozialistisch, anarchistisch, pazifistisch über spirituell-okkultisch bis völkisch-antisemitisch. Quer zu den politischen Blöcken wendet sich die Lebensreformbewegung schließlich von der Politik überhaupt ab. Allerdings suchen und finden während des Zweiten Weltkrieges viele Intellektuelle auf der Flucht vor den Nazis durch die Gebrüder Gräser auf dem Monte Verità Unterschlupf. Auf der Suche nach der Einheit von Körper, Geist und Seele war Ascona die ”Metropole der Alternativen”. [3]

Jörg Wappler und Lutz Dimter

Literatur:

[1] Renée Wagener: Aussteigen wollten sie alle mal, in: DER RABE RALF, Juli/August 1996 (Kopie wird gegen Einsendung von 2 DM in Briefmarken zugesandt)

[2] Reinhard Feld, in: Jan Pätzold (Hrsg.): Die Geschichte alternativer Projekte von 1800 bis 1975, Verlag Klaus Guhl, Berlin 1980

[3] Armando Dado: Monte Verità – Berg der Wahrheit, Electa Editrice, Milano, Ausstellungskatalog Museum Villa Stuck, 1980

Aus: „Wohngemeinschaften. Gedanken – Geschichte – Thesen“ von Lutz Dimter und Jörg Wappler, Diplomarbeit an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee, Studiengang Architektur; Berlin 1996.


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