Von Wölfen und Schafen oder Die Abwicklung des Westens

Aus DER RABE RALF Juli/August 1997

Es gibt einen Blues mit dem Titel „(Tired of) Fattenin‘ Frogs for Snakes“. Ins Deutsche läßt sich das in etwa übersetzen mit: „Keine Lust mehr, Schafe für Wölfe zu züchten“. Man verbringt also seine Zeit damit, Schafe zu hüten, doch bevor sie geschoren werden oder in den Kochtopf wandern, werden sie von Wölfen gefressen. Diese machen sich keinerlei Mühe mit den Schafen, sie kommen einfach bei Nacht und fressen sie – Jahr für Jahr. Bis man irgendwann beschließt, keine Schafe mehr zu halten.

Wie hältst du´s mit den Wölfen?

Im großen und ganzen kann man die verschiedenen Positionen zur nachhaltigen Entwicklung nach ihrer Haltung zu diesem „Wolf-und-Schaf-Problem“ einteilen. „Zukunftsfähiges Deutschland“ hat sein Publikum in zwei Lager gespalten, und zwar an der Frage: Soll man das Konzept grundsätzlich bejahen und zum Ausgangspunkt für Verbesserungsvorschläge nehmen – oder kommt man um eine prinzipielle Ablehnung nicht herum? (und was will man dann?)

Als die Studie im Oktober 95 in Köln präsentiert wurde, stürmten ein paar Leute mit einem Transparent die Bühne und stellten ausnahmsweise mal eine Frau ans Mikro. Helga Eblinghaus verlas für die „Anti-EG-Gruppe Köln“ eine Erklärung mit dem Titel „Im Westen nix Neues“. Die Wuppertal-Studie wurde darin als publikumswirksame Augenwischerei kritisiert, mit der dem neoliberalen Sozialabbau und dem neuen deutschen Vormachtanspruch das ökologische Mäntelchen umgehängt werde.

In den Tagen und Wochen danach entpuppten sich die Linken und Alternativen als ein Volk verhinderter Wuppertal-Redakteure, die nur leider alle nicht gefragt worden waren und nun persönliche Verbesserungsvorschläge zum besten gaben. Redakteure, nicht Redakteurinnen – Nachhaltigkeit ist eher ein Männerthema, offensichtlich kommt es der männlichen Neigung zu Abstraktion, Verallgemeinerung und Machbarkeitsphantasien sehr entgegen. Es ermöglicht das Abschweifen aus einer öden Alltagswirklichkeit in die vermeintliche Rettung der Erde.

Radikale Ablehnung der Studie kam vor allem aus dem Spektrum des BUKO, dem Dachverband von Gruppen der internationalen Solidaritätsbewegung in Deutschland. Ansonsten war der Tenor: Die ökologischen Ziele der Wuppertal-Studie sind gut, die Ausführung ist aber schlecht. Die Studie sei als „anschlußfähig“ für die weitere Diskussion zu betrachten. Eine vorschnelle Ablehnung führe nur in die Isolation; stattdessen sollte der Nachhaltigkeits-Begriff mit eigenen Inhalten „besetzt“ werden.

Die gegenseitigen Vorwürfe, sich dem Mainstream auszuliefern bzw. sich von der allgemeinen Diskussion zu isolieren, verdecken aber die Frage, was man eigentlich selber will. Nur von da aus läßt sich bestimmen, was taktisch klug ist und wo der Ausverkauf anfängt.

Schafe aus artgerechter Haltung

In der Diskussion um „Zukunftsfähiges Deutschland“ gibt es vier Positionen zum „Wolf-und-Schaf-Problem“, die jeweils ein in sich schlüssiges Konzept zum Ausdruck bringen. Das Schaf-Problem sieht hier so aus: Durch technische Effektivierung, private Konsumeinschränkung und ökologische Regulierung der Marktmechanismen wird Umweltraum gespart. Es werden „ökologische Schafe“ gezüchtet, für deren Hege der eigene Gürtel enger geschnallt, die eigene Zeit und Kraft investiert wird (Solaranlagen, Radwege, Recyclingverfahren, Naturschutzstationen…). Wie aber die Erfahrung zeigt, sind diese Schafe bisher immer von der bestehenden kapitalistischen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung, national wie international, aufgefressen worden.

Die Energiesparbemühungen nach der Ölkrise in den 70er Jahren z.B. hatten tatsächlich viel Erfolg, aber die Weltölförderung ist heute höher als je zuvor: Viele Länder und Menschen haben gelernt, mit sehr wenig Öl auszukommen, aber andere haben mit dem Energiesparen nur die Preise stabilisiert und verfeuern heute mehr als vorher. Oder das Drei-Liter-Auto, das Greenpeace auf der Internationalen Automobilausstellung 1995 präsentierte: Es verringert den Verbrauch, wenn es aber nur zum preisgünstigen Massen-Zweitwagen oder zum Exportschlager nach China wird (was das einzige Interesse der Autoindustrie an sparsameren Motoren ist), wird das hoffnungsvolle Öko-Schaf vom Wolf des Weltmarktes verspeist, und der aufrichtige ökologische Ingenieurfleiß wird zum Eisbrecher für eine neue Runde weltweiten Energie-Wahnsinns.

Die Schafe sind echte Verbesserungen „vor Ort“, es sind Stücke von wiedergewonnener Natur, die aufgebaut und herangefüttert werden. Die Wölfe treten manchmal in Gestalt konkreter Gruppen und Interessen auf: die Großindustrie, der Chef, die internationalen Herrschaftseliten. Wölfe gibt es aber auch in Form struktureller Zwänge und Eigenschaften, wie marktwirtschaftliche Konkurrenz, etablierter Wissenschaftsbetrieb, überkommene Machtverteilung. Das Beispiel der realsozialistischen Staaten hat gezeigt, daß auch verstaatlichte Wölfe Schafe fressen.

Das Dilemma besteht darin, daß beides keine Lösung ist: Schafe zu hüten, die von anderen gefressen werden, ist sinnlos; aber einfach damit aufzuhören, bringt auch keine Schaffelle.

Die vier Positionen zum Wolf-und-Schaf-Problem lassen sich charakterisieren als: die Industrie-Position, die Wuppertal-Position, die Position der systemüberwindenden Reform und die Position der Abwicklung.

Mit den Wölfen heulen

Die Industrie-Position funktioniert nach folgender Argumentation: Die Wölfe sind von Natur aus diejenigen, die sich am besten um die Schafe kümmern, denn sie haben das stärkste Interesse an der weiteren Aufzucht kräftiger, gutgebauter Schafe, und sie haben die Macht und die Möglichkeit, wirklich große Schaffarmen aufzubauen. Tatsächlich bearbeiten ja die großen und multinationalen Konzerne aufrichtig das Schaf-Problem, sie geben Geld für wissenschaftliche Stiftungen und für technologische Innovationen. Daß sie das eigennützig tun, spielt keine Rolle. Die japanische Regierung z.B. ist aufrichtig bemüht, die japanischen Arbeitnehmer notfalls durch gesetzlichen Urlaubszwang daran zu hindern, sich allesamt zu Tode zu arbeiten, was volkswirtschaftlich eine Katastrophe wäre – auch das ist Nachhaltigkeitspolitik.

Die Industrie-Position fordert eine weitere Liberalisierung und Deregulierung des Welthandels und des marktwirtschaftlichen Zugriffs auf Natur und Arbeit auf der ganzen Welt. Sie geht davon aus, daß insbesondere die Zukunftstechnologien (Gen- und Biotechnologie, Informationstechnologien, neue Werkstoffe, Atomenergie) die Lösung der Umweltprobleme bringen werden und daß der Wettbewerb von selbst zu Material- und Energieeinsparungen in den Betrieben führt. Natürlich gibt es immer mal häßliche Vorfälle: berstende Öltanker, chemische Verseuchungen. Aber wo gehobelt wird, fallen eben Späne. Und so schlechte Atomkraftwerke wie die Russen würden moderne Kapitalisten nie bauen.

Der Wolf ist tot

Die Wuppertal-Position ist einfach. Sie lautet: es gibt keine Wölfe. Umweltraum-Sparen funktioniert. Jeder kleine ökologische Beitrag verringert die Gesamtbelastung der Umwelt. Wenn die Wölfe systematisch ignoriert werden, geht das Konzept auch auf. Natürlich gibt es Widerstände. Aber man kann seinen Hinterhof in Ordnung bringen. (Gerade das Kapitel mit den „Leitbildern“ in „Zukunftsfähiges Deutschland“ ist im wesentlichen die Schilderung einer hellen, schönen Schafszukunft.)

Kampf den Wölfen!

Systemüberwindende Reform und Abwicklung sind die beiden möglichen „alternativen“ Positionen in der Debatte. Sie bezweifeln nicht die Existenz der Wölfe, und sie sind auch nicht der Meinung, daß die Interessen von Wölfen und Schafen naturnotwendig zusammenfallen.

Die systemüberwindende Reform geht davon aus, daß das Züchten von größeren Schafen nur funktioniert, wenn gleichzeitig der Einfluß der Wölfe begrenzt wird. Der Gedankengang ist etwa folgender: Die AutorInnen der Wuppertal-Studie denken eigentlich alle antikapitalistisch. Weil ihre Handlungsvorschläge nicht in der Lage sein werden, die angekündigten ökologischen Ziele zu erreichen, besteht die Chance, daß tiefergehende Handlungsvorschläge später mehrheitsfähig werden. Wenn man das Konzept der nachhaltigen Entwicklung ablehnt, vergibt man sich daher eine bedeutende Möglichkeit, die eigenen Vorstellungen zur Systemveränderung zu realisieren.

So oder ähnlich argumentierten verschiedene entwicklungspolitische und linke Gruppen und Zeitschriften. Dieser Ansatz führt mit Notwendigkeit darauf, ein besseres, radikaleres Wuppertal-Konzept zu erarbeiten, das die „blinden Flecke“ von „Zukunftsfähiges Deutschland“ vermeidet und so die ökologischen Ziele der Studie einlöst.

Wer in diese Richtung argumentiert, muß ein Nachhaltigkeits-Konzept vertreten, das bestimmte Minimalvoraussetzungen „jenseits von Wuppertal“ erfüllt. Dazu gehört erstens ein Instrumentarium, das in der Lage ist, effektive Obergrenzen des Ressourcenverbrauchs durchzusetzen. Ökosteuern reichen dafür nicht aus. Lösungen könnten sogenannte Zertifikationssysteme sein, um z.B. über „Ökokapital-Verwertungsgesellschaften“ natürliche Ressourcen in befristete, zweckgebundene und insgesamt begrenzte private Aneignung zu überführen. – Zweitens ist ein Instrumentarium nötig, das eine Aushöhlung nachhaltiger Regionalentwicklung durch Billigimporte und durch kaufkräftiges Kapital von außen verhindert. Man muß sich also zu autonomen Regionen bekennen, die ihren Außenhandel kontrollieren und ihre wirtschaftlich-soziale Entwicklung selbständig steuern. Sie müssen Importe verhindern oder hoch besteuern können, Beschäftigungsgesellschaften und Subventionen für die heimische Produktion einrichten dürfen sowie privaten Verkauf von Grund und Boden nur innerhalb der Region zulassen.

Weil es aber noch nicht ausreicht, die regionale Ökonomie zu entwickeln, ohne die ökologische Zerstörungskraft des Weltmarkt-Sektors anzutasten, ist drittens eine weitgehende Technologiekontrolle auf nationaler Ebene notwendig. Diese kann nicht nur über die Parlamente geschehen, sondern muß gesellschaftliche Mitbestimmungsmöglichkeiten enthalten, besonders im Bereich der Zukunftstechnologien. Viertens ist ein Betriebsverfassungsgesetz nötig, das eine effektive gesellschaftliche Kontrolle großer und transnationaler Konzerne ermöglicht. – Ohne diese letzten beiden Instrumente würde ein gutgehender globaler Export- und Kontrollsektor, der auf dem Gebiet der Bundesrepublik stationiert ist, weiterhin die Schafe anderer Leute fressen – indem er in den natürlichen Ressourcen anderswo wütet.

In dieser weitreichenden Konzeption ist die sytemüberwindende Reform eine ernstzunehmende, stimmige Strategie.

Wer Schafe hält, zieht Wölfe an

Die Position der Abwicklung schließlich geht davon aus, daß das Problem weniger die ökologisch ineffektive Technik der Industriegesellschaft ist, sondern die Machtverhältnisse und der herrschaftliche Zugriff auf Natur und Arbeit selbst. Die Hoffnung, die Schafe gleichzeitig groß werden zu lassen und die Wölfe zu zähmen und zu Kompromissen zu zwingen – etwa über eine zunehmende globale Institutionalisierung im Sinne einer weltweiten Zivilgesellschaft, z.B. durch Stärkung und Reform der UNO – wird als illusorisch abgelehnt. Wenn menschliche und außermenschliche Natur erst einmal in Form von freßbaren Schafen abgespalten wird, dann gibt es immer auch Wölfe.

Noch etwas grundsätzlicher betrachtet, unterscheidet sich das Interesse der Schafzüchter an den Schafen gar nicht so sehr vom Verhalten der Wölfe. Diese sind nur schneller. An den Anfangsbeispielen betrachtet: Der formelle Lohnarbeiter ist deshalb so leicht um seinen Mehrwert zu erleichtern, weil er seine Arbeitskraft selbst auf nichts anderes richtet als abstrakte Arbeit und abstraktes Geld. Im „wolfslosen Idealfall“ würde er den ganzen Mehrwert selber ausgeben, um sich von anderen bedienen zu lassen. Es ist nicht verwunderlich, daß sich die Position der Abwicklung um die Probleme einer effektiven Schafzucht wenig kümmert. Wer Schafe züchtet, zieht Wölfe an: nur wenn dieses Prinzip durchkreuzt wird, ändert sich etwas. Die Praxisvorstellung dieses Ansatzes setzt auf einen Sichtwechsel, eine Veränderung im Denken und Handeln der Menschen, denn die Wölfe können nicht gezähmt, wohl aber ausgehungert werden.

Anleitung zur Abwicklung

Praktisch bedeutet das, in leicht schematisierter Form:

  1. Die Interventionsmacht des Nordens gegenüber dem Süden zu behindern. Also: Aktivitäten gegen militärische Interventionen, gegen Aufrüstung, auch gegen „kalte Intervention“: die weitere Liberalisierung des Welthandels, die Strukturanpassungsprogramme des Internationalen Währungsfonds usw.
  2. Den globalen Sektor, also die auf weltweiten Wettbewerb ausgerichteten Wirtschaftsaktivitäten, zurückzudrängen – durch Deinvestition (Geld heraushalten), durch Aktivität gegen „Zukunftstechnologien“ (vor allem Gen- und Biotechnologie), aber auch durch die persönliche Weigerung, für diesen Sektor zu arbeiten.
  3. Die Privilegien formaler Lohnarbeit abzubauen. Das beinhaltet die Forderung nach sozialer Grundsicherung, die den Zwang lockert, sich um jeden Preis zu verkaufen; es bedeutet auch, die Trennung zwischen Männer- und Frauenarbeit sowie zwischen formeller Arbeit (Job) und informeller Arbeit (ungesichert/unbezahlt) abzulehnen und Alternativen dazu aufzuzeigen.
  4. Sich Räume und Zusammenhänge gemeinschaftlich wiederanzueignen, statt sie für Investoren preiszugeben. Also städtischen Raum für sich zu besetzen, Landkommunen aufzubauen und radikale regionale Autonomie praktisch durchzusetzen.
  5. Den Norden zu entkolonisieren in dem Sinn, daß Strukturen aufgebaut werden, die ein umfassendes Überleben möglich machen. Aktivitäten gegen den zerstörerischen Flächenzugriff nach außen, etwa durch das Fleisch- und Agrobusiness (Futterpflanzenanbau für Fast-Food-Ketten auf ehemaligem Selbstversorger-Land), Wiederaneignung von Techniken und Lebensweisen, die ein sozial befriedigendes Leben ermöglichen, ohne den Umweg über Lohnarbeit, ungerechten Außenhandel und industrielle Konsummaschine zu nehmen.

Eine solche Sichtweise hat große Ähnlichkeit mit Strategien, die von verschiedenen sozialen Basisbewegungen in der Dritten Welt praktiziert werden. Zu nennen wäre etwa das Konzept, das der mexikanische Theoretiker Gustavo Esteva in seinem Essay „In der Hängematte“ darstellt. Die Politik der zapatistischen Guerilla EZLN im mexikanischen Bundesstaat Chiapas wendet sich zentral gegen die Zerstörung der autonomen Agrarverfassung durch die nordamerikanische Freihandelszone NAFTA und strebt nicht die militärische Vertreibung der nationalen Bundesregierung in Mexico City an, sondern wickelt deren Gewaltmonopol in Chiapas ab.

Wer braucht so viele Schafspelze?

Die Positionen der systemüberwindenden Reform und der Abwicklung unterscheiden sich in der theoretischen Analyse der gegenwärtigen kapitalistischen Entwicklung und in ihrer Vision einer zukünftigen Gesellschaft. Sie haben unterschiedliche Vorstellungen davon, wer die sozialen Subjekte der Veränderung sind, und einen anderen Politikbegriff. In ihren politischen Forderungen und in ihren Vorschlägen für praktische Aktivitäten sind sie jedoch nicht unvereinbar.

Die systemüberwindende Reform hat ihren analytischen Hintergrund in der Regulationstheorie, also der Suche nach einer zeitgemäßen Art kapitalistischer Wertschöpfung, die Chancen für Ökologie und soziale Gerechtigkeit beinhalten soll. Die Abwicklung gründet sich auf der Subsistenztheorie, der fundamentalen Entwicklungskritik, die in Deutschland mit dem „Bielefelder Ansatz“ entwickelt wurde und sich heute um das Institut für Theorie und Praxis der Subsistenz (ITPS) gruppiert. Beide Theorien enthalten unterschiedliche Fallstricke für den persönlichen Umgang mit den Problemen. Die systemüberwindende Reform ist nicht zuletzt deshalb so attraktiv, weil sie einen systemimmanenten Zwang zur Veränderung in die richtige Richtung ausmacht (Krise des Akkumulationsmodells) – und weil sie hauptsächlich die Vertreter von Kapital und Politik kritisiert. Diese Position läßt sich vertreten, ohne die eigene Verstrickung in die ungerechten und zerstörerischen Strukturen, die persönliche Hoffnung in die wirtschaftliche Entwicklung, allzusehr in Frage zu stellen.

Die Schwierigkeit der Abwicklung liegt darin, daß ihr die Kritik leichter fällt als die Gestaltung. Sie verfügt durchaus über Vorschläge für praktisches Handeln, aber sie kann sich zunächst nicht, wie die systemüberwindende Reform, auf die Vorstellung eines objektiven Zwangs zur Veränderung stützen. Deshalb muß sie die Frage beantworten, wodurch und weshalb sich denn die Kräfteverhältnisse verändern. Dafür reicht es nicht, durch Überzeugungsarbeit die Basis dieser Position zu verbreitern – das wäre sehr idealistisch. Es muß geklärt werden, weshalb die Kräfteverhältnisse heute so ungünstig sind, sich jedoch morgen verschieben lassen können.

Die Position der Abwicklung, wenn sie nicht in kritische Passivität umkippen soll, muß also einen Krisenbegriff entwickeln. Wo die systemüberwindende Reform eher von einer objektiven Kapitalakkumulations-Krise ausgeht, muß die Abwicklung eher eine subjektive Krise glaubhaft machen. Sie muß begründen, weshalb die bisherige Ordnung der Dinge, die relative soziale und gesellschaftliche Stabilität der Verhältnisse, Stück für Stück außer Kraft gesetzt wird, so daß eine andere Logik von Entwicklung Chancen bekommt, sich zu behaupten.

Es bleiben also noch einige Fragen zu klären.

Christoph Spehr

Anti-EG-Gruppe Köln u.a.: Im Westen nix Neues! Flugblatt zur Präsentation der Studie „Zukunftsfähiges Deutschland“ in Köln am 23.10.95

Willi Brüggen: Vom Umbaumodell zur Umbaupolitik, in: E. Bulmahn, P. v. Oertzen, J. Schuster (Hrsg.): Jenseits von Ökosteuern. Konturen eines ökologisch-solidarischen Reformprojektes im Übergang zum Postfordismus. SPW-Jahrbuch 1995/96, Dortmund 1995

Gustavo Esteva: In der Hängematte, in: Fiesta – Jenseits von Entwicklung, Hilfe und Politik, Wien 1995

Thomas Oberfrank: Die Herrschaftsfrage als Demokratiefrage stellen! Gegen den Aufbau falscher Fronten in der Nachhaltigkeitsdebatte, in: Lateinamerika Nachrichten (LN) 257/258, Berlin 1995

Zur Nachhaltigkeitsdebatte: Sei kein Frosch, BUKO! in: Analyse und Kritik (AK), 20.11.95, Hamburg 1995

Gekürzt und bearbeitet aus: „Die Ökofalle“ (Promedia, Wien 1996)


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