Die Nutzung der Natur als weltweites Pyramidenspiel

Aus DER RABE RALF November 1997

Wie funktioniert Herrschaft? Sie verfügt über Machtmittel, natürlich; aber wie gelingt es ihr, zu einer selbsttragenden Struktur zu werden, die nicht jedesmal der direkten Gewalt im Einzelfall bedarf? Sie bedarf einer gewissen Regelmäßigkeit der Aneignung und Macht, und sie schafft Institutionen der Aufrechterhaltung, die die Gewaltdrohung abrufbar bereitstellen; aber Gewöhnung und Institutionalisierung sind nicht ausreichend. Sie können die ständigen Versuche der Beherrschten, ihre Lage zu verändern, nicht ausschalten. Menschen lassen sich eine Zeitlang täuschen, aber sie kriegen irgendwann spitz, was läuft; sie lassen sich einschüchtern, aber dann fangen sie an zu lernen. Herrschaft muß sich immer wieder neu herstellen und immer noch etwas zulegen können, sonst kann sie sich nicht halten.

Das wesentliche ist deshalb die materielle und soziale Kohärenz (Zusammenhalt) der Herrschaft. Materielle Kohärenz bedeutet, daß die Machtmittel durch die Beherrschten selbst produziert, aber von den Herrschenden angeeignet werden, so daß das Herrschaftsverhältnis sich immer weiter reproduziert. Unterworfene Länder geben die Rohstoffe her, aus denen die Waffen geschmiedet werden, mit denen die Herrschaft über sie weiter aufrechterhalten wird. Frauen versorgen und reproduzieren Männer, die dadurch die Zeit gewinnen, ihre Vorsprünge an Machtmitteln (Geld, Job, Ausbildung, Information, Kontakte) auszubauen. Soziale Kohärenz bedeutet, daß es im unmittelbaren Interesse der Beherrschten liegt, dies mitzumachen. Die Verhältnisse sind so, daß die individuell beste Chance wirklich darin liegt, einen guten Rohstoff zu verschachern; wenigstens einen schlechten Job zu ergattern; sich einen reichen Mann zu angeln, oder wenigstens einen mit begrenzten Karrierehoffnungen, und ihn aufzubauen und zu pflegen.

Nur wo dies gewährleistet ist, kann Gewalt auf Dauer in Herrschaft verwandelt werden. Herrschaft muß in bestimmtem Sinne alternativlos für die Beherrschten sein. Je stärker das der Fall ist, desto besser funktioniert sie; desto mehr kann die direkte körperliche Gewalt zurückgenommen und für Sonderfälle aufgespart werden (ohne geht es nie), und desto stabiler ist eine herrschaftsförmige Gesellschaft oder Beziehung. Die Abhängigkeit und langfristige Manipulation der Beherrschten wird dann mit der Zeit zu ihrer „zweiten Natur“; eine Zurichtung, die sie nicht ganz leicht wieder loswerden.

Herrschaft benötigt Natur und muß Natur verändern, um diese materielle und soziale Kohärenz zu gewährleisten. Die Machtmittel gehen in letzter Instanz immer auf Natur zurück. Sie entstehen durch die Kombination von äußerer Natur (ihrer Fähigkeit, Rohstoffe herzugeben, Energie bereitzustellen und Abfälle aufzunehmen) und menschlicher Natur (ihrer Fähigkeit, Arbeit zu leisten, Ideen zu haben und flexibel zu reagieren). Komplexe Herrschaftsverhältnisse sind so organisiert, daß umgekehrt zu den Ketten der Herrschaftsbeziehungen die Eimerketten der Ressourcen nach oben gehen. Der herrschaftsförmige Druck nach unten erzeugt den Sog, der die Ressourcen nach oben zieht. Die Kunst besteht darin, einerseits die Verflechtung der verschiedenen Stränge und Ketten zu nutzen und andererseits zu gewährleisten, daß die Hauptrichtung des Transfers von Ressourcen, Waren und Dienstleistungen stimmt – nach oben nämlich. Das ist Akkumulation: Anhäufung nach oben. Komplexe Herrschaft schafft Pyramiden von Naturnutzung. Sie vereinigt viele kleine Pyramiden zu einer großen, die in der Realität Scharten und seitliche Spitzen hat, im Idealfall aber glatt nach oben zeigt.

Die Pyramide steht auf der Natur, der äußeren und der menschlichen Natur. An ihrer Basis befindet sich die noch weitgehend unverarbeitete Natur und die Arbeiten und Lebensweisen, die relativ naturnah sind. Sie sind mit mehr Handarbeit verbunden und den Naturgewalten unmittelbarer ausgeliefert; unter Umständen aber auch konkreter und weniger absurd. An der Spitze der Pyramide befindet sich die hochverarbeitete Natur und die Arbeiten und Lebensweisen, die äußerst naturfern sind. Sie sind künstlicher, steriler, besser gesichert gegen gefährliche Einflüsse der Natur; aber auch abstrakter und kälter. Denn auch die Bearbeitung und Manipulation der menschlichen Natur wird nach oben hin komplexer, starrer und künstlicher.

Die Spitze der Pyramide hat enorm viel Macht. Sie hat allerdings auch einen Nachteil. Wenn man weiter oben ist, kann man nicht einfach gehen und sein eigenes Ding machen. Man ist, aller Macht zum Trotz, abhängig vom Zustrom von unten. Die unten können theoretisch gehen. Sie können sich absetzen und unabhängig weiterleben, da sie einen direkten Zugriff auf unmittelbarere Natur haben und mit Arbeiten und Lebensweisen vertraut sind, die auch ohne die ganz große Pyramide funktionieren und das Überleben sichern. Vorindustrielle Gesellschaften haben dieses Problem nie wirklich lösen können. Im Feudalismus konnten sich die Bauern in Zeiten, wo die Herrschenden sich in einer prekären Situation befanden – zum Beispiel im Krieg, der ja damals noch nicht die Angelegenheit der breiten Bevölkerung, sondern der Ritterschaft war -, auf ihr Land zurückziehen, ihre eigenen Ernte verbrauchen, untereinander handeln und einfach keine Abgaben zahlen. Im Feudalsystem mußten die Abgaben eingetrieben, abgeholt werden, sonst flossen sie nicht.

Der moderne, westliche Freiheitsbegriff ist ein Begriff von der Spitze der Pyramide. Er setzt voraus, daß man sich bereits in der Pyramide befindet. Freiheit ist dann eine relative Beschränkung der Herrschaft in genau bestimmten Bereichen und Fällen, die vom einzelnen eingeklagt werden können. Die Basis der Pyramide kennt dagegen einen radikal anderen Freiheitsbegriff: die Freiheit, abzuhauen, zu gehen, sich zu entziehen; die Schule zu schwänzen, krank zu feiern, mit der Herrschaft nicht zu diskutieren, sondern ihr den Rücken zu kehren.

Daraus ergeben sich unterschiedliche Vorstellungen von Befreiung, Emanzipation: Die oberen Bereiche der Pyramide haben einen Emanzipationsbegriff entwickelt, der auf Mitwirkung und Mitbestimmung zielt. An der Basis der Pyramide versteht man unter Emanzipation, lieber über sich selbst zu bestimmen, sein eigenes Ding zu machen. An der Spitze der Pyramide gerät die Vorstellung von Widerstand fast zwangsläufig auf die Bahnen von Militanz und politischer Übernahme von Institutionen. An der Basis dagegen ist Widerstand zunächst einmal sozialer Widerstand: nichts herzugeben, oder so wenig wie möglich; und das spontane Ziel von Aufständen ist weniger die Kontrolle der Herrschaftsmaschinerie als ihre Zerschlagung.

Daß die Pyramide auf der Natur steht, der äußeren Natur wie der menschlichen, ist also auch ihr Problem. Selbst wenn die Herrschaftsverhältnisse geklärt sind, kann sie die Basis nicht einfach in Ruhe lassen, sondern muß sie permanent attackieren: sie kontrollieren und routinemäßig ihre Ansätze zu einem unabhängigen Leben zerstören. Die wirksamste Methode wäre die Zerstörung der Natur, was aber letztlich auch das Versiegen des Ressourcenstroms zur Folge hätte.

Genau für dieses Dilemma bietet die industrielle Produktion, auf die sich das heutige Herrschaftssystem stützt, eine Lösung an. Sie besteht darin, die Natur so zu manipulieren, daß sie für die Menschen an der Basis so nicht brauchbar ist, für die oben aber schon. Die industrielle Arbeitsteilung, als persönliche, regionale und nationale Zurichtung, zerlegt die Natur in Bestandteile, die einzeln unbrauchbar sind, nach Abtransport an die Spitze der Pyramide aber wieder zusammengebaut werden können. In einer „Bananenrepublik“ können die Arbeiter nicht einfach die Bananen behalten; sie müssen sie verkaufen, weil man nicht nur von Bananen leben kann. Die industrielle Landwirtschaft und noch mehr die Produktion mit genmanipulierten Pflanzen sind abhängig von Ressourcen, die die unmittelbaren Produzenten selbst nicht herstellen können: Kunstdünger, Pestizide, Hybrid-Saatgut, Benzin und Ersatzteile.

Dasselbe passiert auch mit der menschlichen Natur. Was heute Erziehung, Schule und Ausbildung vermitteln, damit kann man nichts anfangen, außer man befindet sich später an einem Ort, der einen passend ergänzt (einem Arbeitsplatz) und aus dem unnützen Wissen einen Job macht, der Geld bringt. Die soziale und internationale Arbeitsteilung hat ihre Besonderheit darin, daß die manipulierte Natur und die zugerichtete Arbeitskraft nutzlos sind, wenn sie nicht ausgebeutet werden. Natur und Arbeit werden zur Ware, zu etwas, was für ihre Produzenten wirklich unbrauchbar ist, keinen Gebrauchswert hat. Und nur über den Verkauf der Ware kann solche Natur und Arbeit eingetauscht werden, die zum eigenen Überleben brauchbar ist.

Diese Zurichtung ermöglicht eine totale Verfügbarkeit von Arbeit ohne soziale Kontrolle durch die, die sie leisten. So entstehen die Artefakte (siehe Teil 4, Juli 97)*. Arbeit und Natur müssen nicht mehr jeweils „ausgehoben“ werden, sondern stehen stets und überall zur Verfügung, weil die Menschen gezwungen sind, sich verfügbar zu machen. Ihre äußere und innere Natur sind für sie selbst nicht zu brauchen, außer zur Lohnarbeit – was sich auch als Entfremdung beschreiben läßt. Die Ökonomisierung der gesellschaftlichen Verhältnisse ist nur das Abbild dieser ökologischen Manipulation: sie sorgt dafür, daß das Eintauschen der wertvollen, aber für sich unbrauchbaren Stücke Natur und Arbeit gegen konsumierbare Waren und Dienstleistungen funktioniert.

Die Zurichtung der Welt in etwas, was seinen Gebrauchswert erst erfährt, wenn es „oben“ wieder zusammengesetzt, neu kombiniert und wieder ausgeschüttet worden ist; die Verwandlung der äußeren und der menschlichen Natur in Waren: in etwas, was erst wieder konsumierbar wird, wenn es die zentrale Maschine durchlaufen hat – das ist es, was unsere Gesellschaft von allen vorkapitalistischen Gesellschaften unterscheidet. Dafür benutzt sie die Industrie, die Arbeitsteilung und die Zerstörung von Natur (nämlich aller Natur am jeweiligen Ort außer der, die von dort geliefert werden soll). Naturzerstörung schadet dem Kapitalismus zunächst überhaupt nicht, sondern nützt ihm, solange die Teile der Natur nicht betroffen sind, die in die Pyramide eingespeist werden.

Christoph Spehr

Veronika Bennholdt-Thomsen: Zivilisation, moderner Staat und Gewalt. Kritik an Norbert Elias‘ Zivilisationstheorie, in: Beiträge zur feministischen Theorie und Praxis 13, Köln 1985.

Frank Herbert: Die Ordensburg des Wüstenplaneten, München, 11. Auflage 1994.

Catharine MacKinnon: Feminismus, Marxismus, Methode und der Staat: Ein Theorieprogramm, in: List/Studer (Hrsg.): Feminismus und Kritik, Frankfurt/M. 1989.

Helke Sander: Über die Beziehungen zwischen Liebesverhältnissen und Mittelstreckenraketen, in: Courage 4/1980.

Gekürzt und bearbeitet aus:

Christoph Spehr, „Die Ökofalle –

Nachhaltigkeit und Krise“, Promedia

Verlag, Wien 1996, 240 S., 34,- DM.


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