Kühlschränke statt Kanonen oder Nachrichten aus dem Zivilisationsmüll

Aus DER RABE RALF Juli/August 1997

Wenn man die Erde bei Nacht aus großer Höhe betrachtet, kann man hellerleuchtete Zonen in den dunklen Landflächen sehen. Sie markieren die dichtbesiedelten Gebiete der industriellen Zentrumsländer: die Küsten der USA, die Mitte Europas, Japan. Große Lichtflecken um den Golf rühren von den Ölfeldern, auf denen ausströmendes Gas abgefackelt wird. Das Innere Brasiliens und Zentralafrikas erscheint schwach gesprenkelt: Brandrodungen, mit denen der Urwald zurückgedrängt wird.

Die Lichter sind nicht die gleichen. Die einen sind Lichter des Reichtums: bei Nacht beleuchtete Straßen, gläserne Innenstädte. Im Urwald sind es Lichter der Armut: die Bevölkerung, von angestammtem Land verdrängt, brennt sich Auswege auf Böden, die nach ein paar Jahren Ackerbau wieder unfruchtbar sind; die vorrückenden Rinderfarmen auf den Fersen. Das Golflicht ist das Licht des Motors, der die Verbindung zwischen den beiden anderen aufrechterhält – wie das Urwaldlicht ist es ein Licht des Verschwindens, des unwiderruflichen Verbrauchs natürlicher Ressourcen; während das städtische Leuchten des Nordens ein Licht der Anhäufung ist, Widerschein gewaltiger Energiemengen, deren Emissionen die Atmosphäre verändern.

Alle drei Lichter zusammen sind Zeichen einer Kultur, die sich in Frage gestellt sieht: der industriellen Zivilisation, die nur als weltweite denkbar ist. Wer abends mit dem Auto in die Innenstadt fährt und in einem hellerleuchteten Lokal ein Steak ißt, steht mit allen dreien in unsichtbarer Verbindung. Nicht umsonst ist dies ein zentraler Ritus dieser Zivilisation. Man hört in ihm das Rauschen der Ströme, die Natur in allen Formen zwischen den drei Zonen bewegen; den globalen Sog, auf dem die industrielle Zivilisation beruht. Und bevor wir die Energiesparlampen auspacken, das Abfackeln verbieten und eine nachhaltige Verwertung des Regenwalds anordnen, sollten wir uns mit der Natur dieses Sogs vertraut machen, mit seinen Regeln und seiner Geschichte.

Seit der atomaren Hochrüstung haben wir uns angewöhnt, unsere Zivilisation auch aus der Perspektive ihres möglichen Endes zu betrachten. Was können wir über eine Gesellschaft sagen, wenn wir ihre eigenen Erklärungsmuster wegstreichen und uns nur an ihre Schöpfungen halten, ihre Artefakte*, ihre Ruinen? So, wie wir versuchen, aus den Pyramiden und Bewässerungsanlagen des alten Ägyptens die Struktur der damaligen Gesellschaft zu erkennen.

Wenn wir unsere Gegenwart mit einem archäologischen Blick betrachten, ist das hervorstechendste Merkmal die ungeheure Menge von Ruinen, die sie hervorbringt. Es ist eine im wahrsten Sinne ruinöse Kultur. Statt Pyramiden fänden wir riesige Staudämme, Flugplätze, Autobahnen, Kraftwerke und die Hallen und Maschinenansammlungen der großen Industrie. Darunter fänden wir eine unglaubliche Menge von industriellem Schutt: Geräte aller Art, Autoreste, Bauschutt, PCs und anderen elektronischen Müll – die Überreste der etwa 10.000 Gegenstände, mit denen sich ein Mensch in den hochindustrialisierten Zentren heute im Schnitt umgibt; alles sehr haltbar. Wir fänden auch Bauten, die zu Lebzeiten schon Ruinen waren, etwa die liegengelassenen 28 km des amerikanischen Teilchenbeschleunigers.

Wir stünden vor einem Rätsel. Die Verschleppung solcher Mengen von Material, das offenbar zu erheblichen Teilen aus ganz anderen Gegenden der Erde gekommen ist, ist historisch einfach nicht normal. Wir würden errechnen, daß die Lebensdauer der Menschen in den „ruinenreichen“ Zonen unmöglich ausgereicht haben kann, all diese Dinge herzustellen. Die Pyramiden der Industriezeit brauchen Bautrupps, die über die ganze Welt verteilt sind. Welche Kräfte konnten dieses Maß an zentraler Arbeitsorganisation aufrechterhalten, und wozu war es gut?

Unsere Kenntnis früherer Kulturen läßt das Entstehen derart dichtgepflasterter Artefakte als äußerst unwahrscheinlich erscheinen. Unwahrscheinlich zunächst aus der Perspektive der breiten Bevölkerung. Freie Kooperation von Menschen schafft keine solchen Artefakte. Wer jemals versucht hat, in einer WG den Abwasch zu organisieren, weiß das. Das ist auch ganz normal. Sicher mag es praktisch sein, reihum für alle zu kochen und einen zentralen Putz- und Anschaffungsplan aufzustellen; aber die Vorteile dieser Arbeitsteilung werden schnell vom Nachteil der geringen Flexibilität aufgefressen. An soundsoviel Tagen würde man persönlich lieber gar nicht kochen, oder jedenfalls nicht jetzt und nicht das. Die Formalisierung der zentralen Arbeit und Organisation läuft gegen ihre arbeitsteilige Nützlichkeit. Die Einzelnen rechnen ihre Anstrengungen für die gemeinsame Sache beständig gegen andere Anstrengungen auf, die sie persönlich vielleicht lieber unternehmen würden; vor allem, wenn nicht die allgemeine Not eine straffe Kooperation erzwingt.

Die Individuen mißtrauen der Festlegung, die ihnen die Schaffung von Artefakten auferlegt. Denn der Nutzen ist ihnen nicht so sicher, je größer und aufwendiger das Artefakt ist. Es gibt schließlich auch andere Ziele: Vielleicht doch lieber Badengehen oder Nichtstun, als gemeinsam den Keller zu renovieren. Umgekehrt mißtrauen die Gemeinschaften auch den Artefakten einzelner. Sie wissen, daß die großen Projekte Arbeit und Zeit an sich ziehen, die anderswo fehlen. Wer ein Buch schreibt oder ein Haus baut, ist ein schlechter Wohngefährte.

Normale Gemeinschaften sind relativ investitionsfeindlich, also „artefaktfeindlich“. Das ist keine Frage von fehlender Entwicklung, sondern von menschlicher Vernunft. Sie haben auch Artefakte, aber weniger und kleinere. Diese Artefakte stehen unter einer starken sozialen Kontrolle, da sie sich ständig gegenüber den anderen Zielen rechtfertigen müssen. Deshalb wachsen sie langsamer. Die anderen Ziele schaffen einen natürlichen Widerstand gegen die großen Projekte. Solche Gemeinschaften haben nichts zu verschenken, vor allem keine Arbeitszeit. Der Nutzen technischer Projekte muß in überschaubaren Zeiträumen klar sein. Große Kooperationen wachsen höchstens aus der Vernetzung von kleineren Einheiten, die auch allein sinnvoll funktionieren. Solche Gemeinschaften schaffen Schmieden und Mühlen, Märkte und Häuser. Aber keine Raumfähren und Elektronenschleudern.

Man sieht es unseren Artefakten übrigens an, daß sie zu schnell und ohne Widerstände wachsen. Die Häßlichkeit der modernen Gebäude, die Großspurigkeit ihrer Architektur zeugen davon, daß niemand die Arbeit daran wirklich etwas bedeutet hat. Sie sind von Menschen gebaut und geplant, die sich niemandem gegenüber rechtfertigen müssen für das, was sie den ganzen Tag lang tun – ob es gut ist, schön oder nützlich. Das Tempo, in dem die Artefakte hochschießen, und die Kälte, die sie ausstrahlen, sind Ausdruck der Grundtatsache, daß die Widerstände gegen sie eingeebnet sind.

Aus dem Artefaktreichtum der industriellen Zivilisation können wir eine Schlußfolgerung ziehen: Der Widerstand der anderen Ziele muß fast völlig gebrochen gewesen sein. Es gehört zum Wesen der industriellen Zivilisation, daß fast alle Menschen ständig Dinge tun, die sie nicht tun würden, wenn sie sich frei entscheiden könnten.

Aber das macht das Rätsel, vor dem wir stehen, nicht kleiner. Denn auch aus der Sicht der Herrschaftselite, die es da gegeben haben muß, machen die Ruinen keinen rechten Sinn.

Auch Herrschaftseliten brauchen keine Elektronenschleudern und kein Internet. Was eine Herrschaftselite auszeichnet, sind einmal ihre Privilegien: daß sie besser lebt als der Rest, sich mehr für den eigenen Luxus aneignen kann. Dazu gehört auch die Freiheit, ihr Umfeld nach Wunsch zu gestalten und dafür andere zu kommandieren. Das zweite sind die Machtmittel: die Möglichkeit, ihre Privilegien zu verteidigen, den Zustrom an Reichtümern und Dienstbarkeiten auf ihre Konten abzusichern bzw. zu erzwingen.

Zu beidem passen die von uns besichtigten Relikte der industriellen Zivilisation eher schlecht. Herrschaftseliten haben kein direktes Interesse daran, daß überall massenhaft Güter hergestellt und über die Weltmeere verschickt werden, ohne je von ihnen konsumiert zu werden. Im Gegenteil: die Reichen und Mächtigen der industriellen Gesellschaft konsumieren besonders viele Dinge, die aufwendig und handwerklich hergestellt werden, nicht arbeitsteilig und fabrikmäßig. Für ihren Luxuskonsum ist die Industrie eigentlich nicht nötig.

Sie brauchen auch keine besonders schnellen Fahrzeuge, sondern eher komfortable. Stattdessen sind ihre Fortbewegungsmittel in der industriellen Zivilisation denen der breiten Bevölkerung (jedenfalls im Norden) wesentlich näher als zu anderen Zeiten, wo man sich mit Kutschen inmitten eines Volks von Fußgängern bewegte. Die materielle Kluft zwischen Reich und Arm ist in der industriellen Zivilisation viel größer als in den meisten Gesellschaften vorher. Trotzdem ist der Luxus der modernen Reichen von einer schockierenden Einfallslosigkeit. Und die Reichsten haben oft gar keine Zeit für Luxus und Muße, sondern arbeiten ständig. Für Herrschaftseliten früherer Jahrhunderte eine Geschmacklosigkeit.

Wenn eine herrschende Gruppe oder Klasse andere für sich arbeiten läßt, sollte man annehmen, daß dies für ihre Annehmlichkeiten, für ihre Verteidigung, für Dienstbarkeiten aller Art geschieht; aber nicht dafür, Maschinen zu bauen. Herrschende brauchen keine Geräte, die Arbeit sparen; sie verfügen über fremde Arbeit. Man muß keine Klimaanlage haben, wenn man sich fächeln lassen kann. Die Mächtigen haben kein gesteigertes Interesse an Entwicklung, an Produktion um jeden Preis. Sie bauen Pyramiden, aber sie fördern keine Pyramidenindustrie. Das würde nur die Steine knapp werden lassen.

Für die Herstellung von Machtmitteln hat die industrielle Zivilisation schon mehr zu bieten. Die von uns besichtigten Ruinen zeigen sie uns bis an die Zähne bewaffnet. Sie verfügt über Waffen extremer Reichweite, Präzision und Vernichtungskraft, die das gesamte technologische Know-How ausnutzen. Ein erheblicher Teil der Artefakte geht auf das Konto der Rüstung – Fabriken, Forschungsstätten, Waffen, Kontrollstationen. Diese stützen ein weitreichendes Macht- und Kontrollsystems: Armee und Polizei, Gefängnisse und psychiatrische Anstalten, Massenvernichtungs- und Präzisionswaffen.

Trotzdem ist das nur ein Teil der Artefaktwelt. Die industrielle Zivilisation schafft mächtige Waffen, aber das scheint nicht der Hauptzweck zu sein. Wir können die U-Boote und Helikopter erklären, aber nicht die Kleinwagen und Staubsauger. Wir wissen jedoch, daß die herrschenden Gruppen und Schichten der industriellen Ära die umfassende Steigerung der Produktion wollten. Ihre Machtausübung diente nicht dem direkten Beutemachen, dem Abtransport vorhandener Güter. Wo sie eingegriffen und unterworfen haben, hinterlassen sie eine Struktur, die mehr Artefakte schafft als vorher. Es muß also ein Interesse daran geben.

Wenn die Reichen und Mächtigen der industriellen Zivilisation sich also der Artefaktkultur bedienten, um ihre Privilegien zu erhalten, so war dies jedenfalls eine äußerst umständliche und verschwenderische Methode. Wenn sie den Wachstumswahn befördert und gewünscht haben, dann haben sie es nicht getan, weil ihnen daraus mehr Genuß erwachsen wäre. Vermutlich war es nötig, um ihre Privilegien zu erhalten. So gesehen, wäre es plausibel, daß die gesamte Welt der Artefakte eine Art Waffenfunktion gehabt hat. Die Kühlschränke und Toaster könnten auf eine bestimmte Art und Weise genauso dazu gedient haben, den Zustrom der Abgaben und Dienstbarkeiten abzusichern, wie dies Gewehre und Stricke tun.

Ferner können wir schließen, daß Herrschaft und Arbeit – jedenfalls eine bestimmte Art von Arbeit – in der industriellen Zivilisation keine Gegensätze waren. Neben der kommandierbaren Arbeit, ohne die es keine derartigen Artefakte gäbe, muß es eine kommandierende Arbeit gegeben haben. Offenbar war das Ziel für die Mächtigen in der industriellen Zeit nicht die Muße, sondern die kommandierende Arbeit. Sonst wären diese Herrschaftseliten trotz ihrer Swimmingpools und goldenen Armbanduhren doch recht arme Schlucker gewesen.

Bleibt die Frage nach dem Handelskapital. In allen Gesellschaften gibt es Austausch von Waren. Da der Austausch über größere Entfernungen, Handel eben, im Gegensatz zum Austausch auf regionalen Märkten immer mit dem Problem der Vorfinanzierung verbunden ist, gibt es in den meisten Gesellschaften auf den Handel spezialisierte Gruppen, Handelskapital eben. Könnte nicht wenigstens für diese Gruppe die industrielle Zivilisation sinnvoll gewesen sein?

Leider auch das nicht; jedenfalls nicht so ohne weiteres. Das Handelskapital lebt davon, daß man die entsprechenden Waren zu Hause nicht kriegen kann – oder nicht so gut und günstig. Man nennt dies komparative Kostenvorteile. Der Unterschied muß so groß sein, daß er die notwendigen Transportkosten und die Handelsspanne rechtfertigt. In der Regel wurde hauptsächlich mit dem gehandelt, was es zu Hause überhaupt nicht gibt: Gewürze, Edelmetalle, Kunsthandwerk. Das klassische Lebenselixier des Handels sind die Unterschiede zwischen den Regionen: Klima, Bodenschätze, Traditionen.

Das Handelskapital hat in vorindustriellen Gesellschaften nie die Produktion direkt übernommen, um sie mit Maschinen auszustatten und Artefakte zu schaffen; denn langfristig sind hier keine komparativen Kostenvorteile zu erwarten. Es macht keinen Sinn, mit hohen Investitionen etwas zu produzieren, was überall produziert werden kann, jedenfalls nicht in Fabrikhallen. Denn an sich müßte dieser Handel zum Erliegen kommen, weil die Produkte irgendwann überall produziert werden. Und so findet es in den längsten Zeiten der menschlichen Geschichte nirgends statt, daß das Handelskapital in eine Maschinenkultur investiert, um sich die Waren selbst zu schaffen, mit denen es handelt.

Erst in der industriellen Zivilisation produziert das Handelskapital alle möglichen Artefakte, mit denen dann gehandelt wird. Dies kann nur sinnvoll gewesen sein, wenn sich auch dort komparative Kostenvorteile erzielen ließen, und zwar dauerhaft. Es muß also Menschen gegeben haben, die langfristig billiger arbeiten als andere.

Und genauso ist es auch gelaufen. Die neuzeitliche Moderne schafft in Europa und darüber hinaus genau diese Voraussetzungen, lange bevor die industriellen Artefakte erscheinen. Sie zerbricht die traditionellen sozialen Gemeinschaften und ihre Selbstregelungskräfte und -rechte. Sie macht Arbeit in jedem Sinne verfügbar und teilt sie in kommandierte und kommandierende Arbeit. Sie lernt, die gesamte Ökonomie als Waffe einzusetzen, und schafft sich Kolonien und abhängige Gebiete, in denen sie die Ausbeutung von Arbeit und Natur auf die Spitze treibt.

Die Bauernkriege, die Hexenverfolgungen und die Inquisition in Europa, die Enteignung des bäuerlichen Landes zugunsten privaten Großbesitzes über die englischen Einhegungen: all diese in hohem Maß gewalttätigen Auseinandersetzungen zerstören die bäuerliche und städtische Gesellschaft. Dabei geht es nicht nur um die Regelung von Abgaben, die eine ansonsten sich selbst überlassene Gemeinschaft zu entrichten hat – der moderne Staat tritt mit dem Anspruch auf, sämtliche Prozesse der Gesellschaft an ihrer Basis zu regeln, zu bestimmen und zu kontrollieren. Die Formen des alltäglichen Widerstands zu brechen und Verfügbarkeit von Menschen herzustellen, ist das zentrale Ziel der europäischen Staaten des 16./17. Jahrhunderts. Die Manufakturen dienen lange Zeit nicht dem Profit, sondern der Kontrolle der „gefährlichen Klassen“. Die europäischen Gesellschaften verschreiben sich einer protestantischen Arbeitsethik, die ihresgleichen sucht und der sich selbst die herrschenden Eliten nicht entziehen können.

Sie schaffen die berühmte „vorindustrielle Massenarmut“, die Bedingung dafür ist, daß Menschen sich um jeden Preis verkaufen müssen – und müssen trotzdem erhebliche Gewalt aufwenden, um Selbstversorgung, Arbeitsverweigerung und „Kriminalität“ zu verhindern. Gleichzeitig teilen sie die Arbeit in eine verfügbare und rechtlose „Gratisarbeit“ und in eine kommandierende Arbeit, die Chancen auf Aufstieg und Anerkennung bietet. Frauen, bäuerliche Bevölkerung, städtische Unterschichten und die Bevölkerung der Kolonien werden zum Träger wenig oder nicht bezahlter Arbeitsleistungen.

Die Geschichte zeigt, daß Ökonomien insgesamt als Waffe verwendet werden können: daß sich über das Erzielen von positiven Außenhandelsbilanzen ebenso effektiv Länder enteignen lassen wie durch direkten Raub. Das Handelskapital steigt in die Produktion dort ein, wo es über die besonderen Bedingungen vollständig rechtloser Arbeit verfügt und wo es das Entstehen konkurrierender Frühindustrien mit Gewalt verhindern kann.

Dieser gesamte Prozeß läßt sich hier nur skizzenhaft umreißen. Festzuhalten ist: Die Artefaktwelt der industriellen Zivilisation ist überhaupt nur möglich, weil sie auf ganz bestimmten sozialen Strukturen und historischen Herrschaftsprozessen aufbaut. Es gäbe sie sonst gar nicht – so wie es sie zu den meisten Zeiten der menschlichen Geschichte nie gegeben hat und wie sie in den weitesten Gebieten der menschlichen Zivilisation aus sich heraus nie entstanden ist.

Diese soziale Struktur mischt verschiedene Herrschaftsverhältnisse durcheinander; ihre Ausdehnung schafft neue Gewinner und Verlierer, oft sogar in einer Person. Die männlichen Arbeiter in den Metropolen verlieren ihre Souveränität, sind aber andererseits auch Gewinner, sofern sie sich als Familienoberhäupter oder als Bezieher von industriell gefertigten Gütern fremde Arbeit und Leistung recht einfach aneignen können. Die Frauen in den Metropolen sind Verlierer, da sie in ihrer überwiegenden Mehrheit „Gratisarbeiterinnen“ sind – als niedrigbezahlte, un- oder angelernte Kräfte in der Industrie, als von ihren Männern abhängige Hausfrauen usw. Andererseits eignen sie sich als Käuferinnen von Dritte-Welt-Billigprodukten ebenfalls fremde Arbeit problemlos an und sparen genauso wie die Männer ein paar Stunden Zeit durch das Öffnen einer Dose.

Auch die Eroberung und „Erschließung“ der Dritten Welt schafft Gewinner und Verlierer gleichzeitig. Sie wäre wohl unmöglich gewesen, wenn es nicht immer auch dort Nutznießer gegeben hätte. Nur in den seltenen Fällen, wo es eine geschlossene Front gegen die Kolonisierung gab, mißlang sie zeitweise oder kostete sehr viel direkte Gewalt. Dies gilt bis heute.

Die Artefakte zu benutzen, schafft Macht und Wohlstand. Es ist das Lebenselixier der industriellen Moderne, daß Zug um Zug alle sozialen Kämpfe auf die Verfügung über die Artefakte (statt auf deren Existenz) ausgerichtet wurden. Wenn es eine Krise dieser industriellen Zivilisation gibt, dann dort, wo dieses Dogma nicht mehr unumschränkt gilt.

Das System der industriellen Zivilisation, gemeinhin auch Kapitalismus genannt, ist geographisch so riesig ist wie kein anderes zuvor. Historisch gehalten hat es bisher ein paar hundert Jahre. Es ist eine Leistung, ein derart umfassendes System von Verfügbarkeit und Herrschaft zu errichten und aufrechtzuerhalten, und das ohne offene militärische Gewaltanwendung in den kapitalistischen Metropolen. Allerdings gibt es drei offensichtliche Nachteile und Risiken. Da die Möglichkeiten des alltäglichen Widerstands gegen die Verfügbarkeit begrenzt bzw. durch das Gegeneinander-Ausspielen von Standorten auch oft sinnlos sind, muß Widerstand relativ schnell in eine politische Infragestellung des Ganzen münden. Das kommt auch immer wieder vor. Zweitens sind die ökonomischen und ökologischen Kosten dieser gesellschaftlichen Ordnung relativ hoch, weil die ökonomischen Abhängigkeiten umständlich und materialreich funktionieren – die zerstörerischen Folgen für die Umwelt sind bekannt. Drittens sind die jeweiligen Metropolen und die jeweils privilegierten Gruppen so grundlegend von ihren Peripherien abhängig wie noch nie. Wenn die Peripherien wegbrechen, ist das blanke Überleben der Metropolen und der privilegierten Gruppen bedroht. Das Schrumpfen des kapitalistischen Systems ist deshalb keine so harmlose Sache wie in früheren Systemen.

Auf dieser Grundlage läßt sich verstehen, warum die Leitbilder in der Studie „Zukunftsfähiges Deutschland“ des Wuppertal Instituts (siehe Teil 3) ebenso oberflächlich plausibel wie hemmungslos naiv sind. Sie kreisen um das Argument, daß eigentlich niemand die totalen Artefakte bräuchte. Die Menschen könnten „gut leben statt viel haben“ ohne die Artefakte; die Herrschaftseliten könnten die Artefakte „dematerialisieren“, weil viele davon schädlich und überflüssig sind. Doch ohne die kapitalistische Struktur der Gesellschaft und der Weltordnung zu erwähnen, ist das platt und irreführend. Die Artefakte sind keine Gebrauchsgüter, sondern Werkzeuge und Waffen. Die Nachhaltigkeits-Agitation funktioniert wie der Versuch, einen Soldaten zum Niederlegen seiner Waffe zu überreden, weil sie doch schließlich schwer und mühsam sei und man sie auch gar nicht essen könne.

* Artefakt: lat. “künstlich Geschaffenes”

Christoph Spehr

Literatur:

Veronika Bennholdt-Thomsen: Zivilisation, moderner Staat und Gewalt. In: Beiträge zur feministischen Theorie und Praxis 13, Köln 1985.

Maria Mies: Patriarchat und Kapital, Zürich 1989.

Immanuel Wallerstein: Der historische Kapitalismus, Berlin 1989.

Wirz: Sklaverei und kapitalistisches Weltsystem, Frankfurt/Main 1984.


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