Ein Auto ist für mich absolut entbehrlich

Aus DER RABE RALF Februar/März 2019, S. 18

Meine persönliche „Autofrei-Geschichte“ (3)

Berlin hat schöne Radrouten – zu finden mit Fahrradplänen von ADFC und BUND oder online mit BBBike oder Naviki. (Foto: Marcus Respontour/​Flickr, CC BY-NC-SA 2.0)

1980 bin ich mit meiner damals zweijährigen Tochter aus der DDR nach West-Berlin und damit in eine in jeder Hinsicht für mich komplett neue, bunte und auch sehr auf den Autoverkehr ausgerichtete Welt gekommen. Es hieß von allen Seiten, dass es unumgänglich sei ein Auto zu besitzen, um in dieser Welt zurechtzukommen und den Alltag zu bewältigen. Also meldete ich mich an einer Fahrschule an und landete so hinter dem Steuer eines Fahrschulwagens mitten im Berliner Großstadtverkehr, wo ich schweißgebadet und endlosen Autoschlangen folgend, begleitet von Hupkonzerten und Anweisungen des Fahrlehrers versuchte, meinen Weg durch das Chaos dieser Stadt zu finden. Nach ungefähr 50 Fahrstunden gab ich schließlich auf und beschloss, ein autofreies Leben zu führen.

Ich kaufte mir ein Fahrrad, zunächst mit Kindersitz, später auch mit Anhänger, und allen Unkenrufen zum Trotz ließ sich mein Alltag problemlos regeln. Ich fuhr so zur Arbeit, zur Universität, zum Kindergarten, zu Freunden, erledigte meine Einkäufe und machte sehr schöne Ausflüge in den Grunewald, zum Wannsee, nach Steinstücken, Lübars oder Kladow und nach der Wende auch ins das wunderbare Berliner Umland.

Kinder wollen Auto fahren

Auch meine Kinder waren selbst sehr früh mit dem Rad unterwegs und kannten sich durch unsere vielen Unternehmungen in unserer Umgebung sehr gut aus, so dass sie schnell ganz selbständig unterwegs zur Schule, zu ihren Freunden zum Schwimmbad und zu ihren Hobbys sein konnten. Natürlich nutzen wir zusätzlich das gut ausgebaute Netz der öffentlichen Verkehrsmittel in Berlin, und so konnten meine Kinder am Tage auch größere Strecken bewältigen, teilweise alleine oder auch zusammen mit Freunden.

Während ich in all den Jahren nie ein Auto vermisst habe, konnten meine Kinder es kaum erwarten, nach dem 18. Geburtstag den Führerschein zu machen, um sich fortan per Auto durch die Stadt zu bewegen. Für meine Tochter, die inzwischen eine eigene Familie hat, weite Wege zur Arbeit, Kita oder Schule, zu diversen Hobbys oder zum Einkaufen bewältigen muss, wäre ein Leben ohne Auto gar nicht vorstellbar. Mein Sohn fand es eine Weile einfach toll, hinter dem eigenen Steuer zu sitzen, und finanzierte sich diesen Luxus, indem er neben dem Studium fleißig arbeitete. Inzwischen lebt und studiert er in Graz und hat sich nun doch von seinem Auto getrennt, weil es einfach zu teuer ist. Er wünscht sich jetzt wieder ein Fahrrad, mit dem er – anknüpfend an unsere gemeinsamen Ausflüge – seine neue Umgebung erkunden kann.

Nah am Leben

Ich selbst bin nach wie vor täglich und bei jedem Wetter – ausgenommen Glatteis – und zu fast jedem Anlass mit dem Fahrrad unterwegs. Angepasst an mein zunehmendes Alter habe ich mir allerdings vor ein paar Jahren ein bequemes und hochwertiges Fahrrad gekauft, das auf all meinen Fahrten ein zuverlässiger Begleiter geworden ist und mir dank der guten Federung auch Rückenschmerzen erspart. Die Regenausrüstung wird nicht mehr beim Discounter, sondern lieber im Fachgeschäft erworben, damit ich mir keinen Schnupfen hole, wenn ich in einen Wolkenbruch gerate.

Am schönsten jedoch ist, dass ich mit dem Rad zwar flott unterwegs sein kann, aber anders als mit dem Auto ganz nah am Leben bin. Ich liebe es, unterwegs meinen Mitmenschen zu begegnen. Dem Fahrradhändler zum Beispiel, an dem ich morgens vorbeiradle und der schon mal aus seinem Laden gesprungen kommt, weil ihm ein loses Kabel an meinem Rad aufgefallen ist. Oder dem Schuhmacher, der immer freundlich grüßt, dem Nachbarshund, der seinen Ball auf den Gehweg rollen lässt und mich zu einem kurzen Spiel auffordert, oder der alten Dame, die ihren Mann betrauert und sich freut, dass meine Katze sie jetzt öfter besucht. Nicht zu vergessen der Apotheker, der seine elektrische Eisenbahn mit Tunneln und bergiger Landschaft aus Kindertagen im Schaufenster aufbaut, wo man sie durch einen außen angebrachten Schalter fahren lassen kann.

Entspannt ankommen

Das alles und vieles mehr würde ich nicht bemerken und erleben, wenn ich mit dem Auto unterwegs wäre. Ich würde auch nicht die Abkürzung durch den Park nehmen oder an den stillgelegten S-Bahn-Gleisen entlangfahren können, ich würde den Duft des Flieders im Frühling nicht riechen können, die Vögel nicht singen hören, den Wind nicht spüren! Ich mag es einfach unmittelbar teilzuhaben, die Natur zu spüren, die strahlende Sonne im Sommer, aber auch den Regen oder den Schnee und die Kälte, und ich fühle mich gut, wenn ich meine Glieder und Muskeln bemühen muss, um voranzukommen.

Darüber hinaus bin ich meist – vorbeifahrend an den Blechlawinen – auch schneller am Ziel, muss nicht stundenlang nach einem Parkplatz suchen, hab also weniger Stress, bin voll von positiven Eindrücken, hab etwas für mein körperliches und seelisches Wohlbefinden getan und ganz nebenbei die Umwelt geschont. In Zeiten, wo alles immer schneller gehen muss, jeder gestresst ist in Beruf und Familie, sich kaum noch Zeit für ein Miteinander findet, ist es wichtig, für schöne und entspannende Momente zu sorgen, und ich kann sie sogar auf meinen ganz alltäglichen Wegen zur Arbeit oder zum Einkaufen finden.

Isabel Ranft


Besser leben ohne Auto

Ratgeber für ein autofreies Leben

Der Ratgeber „Besser leben ohne Auto“ geht auf die häufigsten Fragen zum Leben ohne Auto ein und macht Mut, sich vom eigenen Auto zu trennen. In dem Buch stellen sich auch einige autofreie Menschen vor und berichten von Widrigkeiten und Freuden, Tricks und Strategien ihres Alltags.

Für den Raben Ralf haben wir drei Erfahrungsberichte aus Berlin, dem Ruhrgebiet und einem thüringischen Dorf ausgewählt, die nicht oder nur in Auszügen im Buch Platz fanden, aber dennoch wert sind, hier als kleine Serie veröffentlicht zu werden. Erfahren Sie etwas über Menschen, die dem scheinbaren gesellschaftlichen Zwang zur Auto-Mobilität ganz entspannt entgegentreten – zu Fuß oder per Pedal – und ein Leben jenseits des Autos entdecken. Die Red.

Autofrei leben! e.V. (Hrsg.):
Besser leben ohne Auto
Oekom Verlag, München 2018
128 Seiten, 14 Euro
ISBN: 978-3-96238-017-5
www.autofrei.de


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