Filmkritiken

Zur richtigen Zeit am falschen Ort

Aus DER RABE RALF Dezember 2023 / Januar 2024, Seiten 20, 23

Konsumwahnsinn, Klimaaktivismus und Kinderkram als französische Tragikomödie

Ich kaufe, also bin ich. Aber was, wenn es einem an Kaufkraft fehlt? Albert und Bruno teilen das gleiche Schicksal – die beiden sind hoch verschuldet. Albert, der am Flughafen arbeitet und notgedrungen dort auch wohnt, hält sich mit krummen Geschäften über Wasser. Bruno hat zwar noch ein eigenes Dach über dem Kopf (bis zur Zwangsräumung in zwei Wochen), dafür fehlt es ihm aber an Hoffnung. Die beiden treffen aufeinander, als Bruno versucht, sich das Leben zu nehmen. Albert, der eigentlich nur den Fernseher, den er mit vollem Körpereinsatz beim „Black Friday“ erkämpft hat, an Bruno weiterverkaufen wollte, wird plötzlich zu dessen Lebensretter. Über Bruno erfährt Albert von einer Selbsthilfegruppe für Verschuldete.

Über ganz andere Schulden diskutiert eine Gruppe junger Klimaaktivist:innen ein Haus weiter, bei Bier und geretteten Lebensmitteln auf Soli-Basis: Was schulden wir den zukünftigen Generationen? Speis und Trank sind ist Grund genug für Albert und Bruno, der Besprechung der Aktivist:innen beizuwohnen. Sie schließen sich der Gruppe an, um durch den Schwarzmarktverkauf von gespendeten Dingen schnelles Geld zu verdienen. Auch wenn das stundenlange Schleppen geschenkter Möbel den beiden Rückenschmerzen bereitet, verlieren sie keine Zeit, um der engagierten Anführerin der Gruppe, genannt Cactus, Avancen zu machen.

Kein Mangel an Klischees

Die Handschrift der beiden Regisseure Nakache und Toledano ist unverkennbar. Wie in ihrem Film „Ziemlich beste Freunde“ gelingt es ihnen erneut, die Geschichte einer innigen Freundschaft zu erzählen. Diese ist trotz der aussichtslosen Lage von Albert und Bruno geprägt von Witz und unschuldigen Blödeleien, womit ihre Dynamik eher an zankende Kinder erinnert. Mit genau dieser Art Humor schaffen es die Regisseure seit Jahren, ein gesellschaftlich polarisierendes Thema nach dem anderen in leicht verdauliche Tragikomödien zu verwandeln.

Die Betonung liegt auf leicht verdaulich, denn auch wenn viele Forderungen der Klimaaktivist:innen und ihr Protest realistisch wiedergegeben werden, geht die Ernsthaftigkeit leider durch eine Reihe Klischees verloren, die die Gruppe als Mischung aus Hippies und privilegierten Hobby-Aktivist:innen erscheinen lassen: Jedes Gruppenmitglied erhält einen obligatorischen Spitznamen (Cactus, Küken, Äpfelchen), Gruppenumarmungen stehen ganz oben auf der Tagesordnung und die Minimalistin Cactus bewohnt trotz abgebrochenem BWL-Studium eine wunderschöne Altbauwohnung à la Prenzlauer Berg, wie sie im dortigen Kollwitzkiez nach reinem Augenmaß nicht unter 2.000 Euro zu mieten wäre, kalt wohlgemerkt.

Mindestens den Humor gerettet

Der Haupthandlungsstrang, die Verschuldung von Albert und Bruno im fünfstelligen Bereich, bildet zwar einen schlüssigen roten Faden durch die Geschichte und stellt eine schöne Verbindung zwischen Überkonsum und Klimawandel dar, verliert sich aber auf den letzten Metern des Films. Durch das retardierende Moment, das hier nicht vorweggenommen werden soll, erkennen Albert und Bruno doch noch, dass sie mehr Werte mit den Klimaaktivist:innen teilen als gedacht. Ob ihnen der Weg aus den Schulden gelingt, wird nicht verraten.

Alles in allem werden Fans des Regie-Duos nicht enttäuscht. Volle zwei Stunden lang schaffen es die beiden, das Publikum mit einfachen, aber zündenden  Witzen zu unterhalten. Witze, die ein so wichtiges Thema wie die Klimakrise locker wegstecken kann.

Julia Duchnicki

Black Friday for Future
Regie: Eric Toledano, Olivier Nakache
Frankreich 2023, 120 min
Kinostart: 28.
Dezember
www.weltkino.de/black-friday


Brandfilme

Der vergessene Widerstand gegen den Braunkohletagebau am Hambacher Forst

Am 19. September 2019 stürzte Steffen Meyn, Student der Medienakademie Köln, im Hambacher Forst von einem Baum in den Tod. Er wollte eine Langzeit-Dokumentation über die Besetzung des Waldes im Rheinischen Braunkohlerevier drehen. An dem Tag fand ein Polizeieinsatz im Hambacher Forst statt, den er aus einem Baumhaus dokumentieren wollte. Vier Jahre nach seinen Tod haben FreundInnen und KommilitonInnen mit dem Film „Vergiss Meyn nicht“ seine Arbeit vollendet. Sie verwenden Meyns Filmmaterial und ergänzen es durch Interviews mit BesetzerInnen.

So wird an den Medienaktivisten Meyn erinnert, der seine Sympathie mit den BesetzerInnen nie verleugnete und trotzdem seine Kritikfähigkeit nicht verloren hatte. Es gibt im Film eine Szene, wo er nach einer Auseinandersetzung um die Gewaltfrage den Wald verlässt und am Schluss das „Presse“-Schild von der Windschutzscheibe seines Autos entfernt. Doch seine im Wald geknüpften Freundschaften sorgen dafür, dass Meyn bald wieder mit seiner kleinen, auf einen Fahrradhelm montierten Kamera im Hambacher Forst zu finden ist. Bis zum verhängnisvollen 19. September 2019.

Konflikte nicht ausgespart

Der Film gibt auch einen guten Einblick in die Szene der akademischen Linken, die teilweise über längere Zeit im Hambacher Forst lebten. Einige sind noch weiter politisch aktiv. Sie heroisieren diese Zeit nicht und sprechen in den Interviews auch über die Auseinandersetzungen unter den BesetzerInnen. Denn das Camp war natürlich kein gewaltfreier Raum, vielmehr kamen dort die gesellschaftlichen Widersprüche besonders deutlich zum Ausdruck. Im „Hambi“ sammelten sich auch unterschiedliche Menschen, die mit und in der Gesellschaft nicht zurechtkamen. Viele brachten ihre Konflikte und Probleme mit. Darüber berichten die BesetzerInnen.

Am Schluss des Films wird weiterer BesetzerInnen gedacht, die inzwischen gestorben sind. Auch über sie hätte man gern mehr erfahren. Am 23. September gab es im Hambacher Forst eine Gedenkfeier für mehrere KlimaaktivistInnen, die mittlerweile nicht mehr leben. Ende Juli wurde bekannt, dass Eva-Maria Steiger, die 2017 und 2018 als Lobo im Hambacher Forst aktiv war, getötet wurde. Im Jahr 2018 schloss sie sich unter dem Namen Elefteria den Frauenverteidigungseinheiten YPJ in West-Kurdistan im Kampf gegen den IS an und wurde 2019 durch türkische Luftangriffe auf die PKK im irakischen Teil Südkurdistans getötet. Am 26. September wäre sie 35 Jahre alt geworden. Bei der Gedenkfeier wurden auch Einblicke in das Leben und den Widerstand weiterer AktivistInnen gegeben, die im „Hambi“ als Elf und Waka, Mogli, Mike und Anna Campbell, Camil, Moss und Rebe bekannt waren. In anschließenden Gesprächen ergänzten Anwesende, dass sie unter anderem auch Arielle, Rio, Petra und Andy aus länger zurückliegenden Zeiten der Waldbesetzung in das Gedenken einschlossen.

Die Vorgeschichte reicht 40 Jahre zurück

Der Film „Vergiss Meyn nicht“ erinnert auch an den Kampf gegen das Abbaggern von Dörfern und Landschaften durch Kohlekonzerne wie RWE. Dieser Kampf hat aber schon lange vor der Waldbesetzung begonnen. Dokumentiert ist dieser Widerstand gegen die Projekte von RWE und Co. in der Filmtrilogie „Brand“ aus dem Jahr 2018. Regie führte die Videokünstlerin Susanne Fasbender. Zur Veröffentlichung gründete sie die Free-Media-Plattform „Brandfilme“ für aktivistische und künstlerische Filme. Neben der Trilogie können dort Videos und Interviews kostenlos angesehen werden.

Die drei Filme von Fasbender zeigen, dass sich seit den 1970er Jahren AnwohnerInnen gegen die Abbaupläne von Rheinbraun wehrten, wie das Kohle-Konzerngeflecht von RWE damals hieß. Sie fanden damals auch Unterstützung bei Umweltgruppen, die sich in den 1970er Jahren gründeten. „Verheizte Heimat“ war der Titel eines Buches, das 1985 erschien und viel gelesen wurde. Susanne Fasbender zitiert aus dem Buch, aber auch aus einem Schulbuch von 1980, das über die Proteste in der Bevölkerung berichtet. Doch zwischenzeitlich gerieten sie in Vergessenheit.

Fasbender ist es gelungen, einige der damals Aktiven vor die Kamera zu holen. Sie sind noch Jahrzehnte später erschüttert über die Kaltschnäuzigkeit, mit der ein Vertreter von Rheinbraun auf die Frage eines Bewohners antwortete, was der Konzern machen wolle, wenn sich die Leute weigern, ihre Dörfer zu verlassen. „Dann werden sie enteignet“, habe der Mann erklärt, erzählt eine Bewohnerin, die bei der Versammlung anwesend war. Sie kann sich noch immer an die wegwerfende Handbewegung erinnern, die der Konzernvertreter dabei machte. Für die Kohleunternehmen war der Protest der BewohnerInnen ein lästiges Hindernis, das so schnell wie möglich entsorgt werden sollte.

Die Kämpfe von damals und heute verbunden

Zunächst schien ihr Kalkül aufzugehen. Die Menschen waren eingeschüchtert. Einige derer, die Fasbender interviewt hat, sprechen davon, wie sehr sie auch psychisch gelitten haben, weil sie den Eindruck hatten, dass sie den Kapitalstrategien ausgeliefert sind. Einige empfinden es nun als späte Genugtuung, dass seit mehr als zehn Jahren KlimaaktivistInnen den Hambacher Forst wieder in den Fokus der gesellschaftlichen Auseinandersetzung gerückt haben. „Die BesetzerInnen haben uns BürgerInnen das Gefühl gegeben, dass wir ein Stück des Waldes zurückerlangt hatten“, sagt eine langjährige regionale Aktivistin im Film.

Der dritte Film der „Brand“-Trilogie ist dem heutigen Widerstand im Hambacher Forst gewidmet. Hier sehen wir die Baumhäuser und die meist jungen KlimaaktivistInnen, die über ihre Motive sprechen, den Wald zu besetzen. Die meisten von ihnen werden nicht gewusst haben, dass schon vor vier Jahrzehnten Menschen aus der Region gegen die Bagger kämpften. Deshalb sind die beiden ersten Teile der Trilogie so wichtig. Die drei Filme erzählen die unterbrochene Geschichte und stellen damit eine Kontinuität her, die die herrschenden Staatsapparate gerne verhindern würden. Damit wird auch ein häufig gebrauchtes reaktionäres Argument widerlegt, dass die jungen KlimaaktivistInnen in eine Region gekommen seien, in der sie keine Unterstützung hätten.

Die Gefahr ist nicht gebannt

Diese gern verschwiegene Kontinuität existiert nicht nur im Rheinland. Der Berliner Fotograf Elliott Kreyenberg, der verschiedene Waldbesetzungen dokumentiert hat, schreibt zu seiner Fotoserie „Endzeit“ von 2021, in der er die Waldbesetzung im Dannenröder Forst in Hessen dokumentiert: „Die Besetzung bildete den Höhepunkt eines Protestes, der bereits 40 Jahre vorher begann, als kleine Gruppen von EinwohnerInnen der umliegenden Dörfer begannen, gegen die geplante Räumung zu protestieren, die Platz für den Bau einer mehrspurigen Autobahn schaffen sollte.“

Die „Brand“-Trilogie, die den jahrelangen Widerstand rund um den Hambacher Forst sichtbar macht, ist nicht nur historisch interessant. Denn der Wald ist weiterhin bedroht. ÖkologInnen schlagen Alarm: Der Hambacher Forst stirbt durch Wassermangel, verursacht durch den Klimawandel und RWE. Und klar ist auch, dass weitere Wälder und Naturlandschaften in Gefahr sind, ob nun durch Autobahnprojekte, Rohstoffabbau, Logistikzentren, Industriebauten oder Trockenheit.

Peter Nowak

Vergiss Meyn nicht
Regie: Fabiana Fragale, Kilian Kuhlendahl, Jens Mühlhoff
Dokumentarfilm, 102 Minuten
Deutschland 2023
zurzeit im Kino
www.wfilm.de/vergiss-meyn-nicht

Brand
Regie:
Susanne Fasbender
Dokumentarfilm-Trilogie
I Vom Eigentum an Land und Wäldern
II Gegenwart der Dörfer und Bepreisung von Natur
III Widerstand im reichen Land
109/105/120 Minuten
Deutschland 2018
www.brandfilme.org

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