Ehrenamt gilt nicht?

Aus DER RABE RALF Dezember 2021/Januar 2022, Seite 5

Biotoppflege am Köppchensee – ein Blick zurück und voraus / Jahresendwanderung diesmal am Ersten Weihnachtstag

Schnitt: Wolfgang Heger

Wohl zum 30. Mal lade ich wieder zur Jahresendwanderung ins Naturschutzgebiet Köppchensee ein, diesmal am Ersten* Weihnachtstag. Ich möchte Ihnen Lust machen auf einen gemächlichen zwei- bis dreistündigen Spaziergang von Pankow-Blankenfelde nach Schildow.

Vielleicht interessiert es Sie, wie der Köppchensee und ich zueinander kamen. Durch einen Zufall bin ich als Mitglied des Naturschutzaktivs Pankow zum Betreuer dieses Gebietes am ehemaligen Mauerstreifen geworden. Es waren Naturschützer aus West- und Ostberlin, die nach dem Mauerfall dieses ehemalige Sperrgebiet der DDR als schützenswert erkannten und es noch im Dezember 1989 vorläufig unter Schutz stellen ließen. Es sollte „Niedermoorwiesen am Tegeler Fließ“ heißen und ein Teil des „Europäischen Grünen Bandes“ werden.

Natur aus zweiter Hand

Dabei ist diese Landschaft am Nordrand der Stadt fast vollständig durch menschliches Tun entstanden. Nur ein paar kleinere Flächen Moor- und Bruchwald nördlich und südlich des ehemaligen Torfstichs, der mit Grundwasser vollgelaufen war, sind natürlich gewachsen. Zusätzlich ist das Gebiet durch das Grenzregime der DDR geprägt. Auf 50 bis 100 Metern Breite wurde es von jeder Vegetation freigehalten und chemisch entkrautet – es ging um ein freies Sicht- und Schussfeld. Bis heute fehlen in der nach dem Mauerfall schnell heranwachsenden Pioniervegetation manche Pflanzen, wie Efeu, Sumpfdotterblume, Glockenblumen oder Buche.

Dafür ist manche Pflanze nicht angeflogen, sondern aus dem Gartenmüll der Kleingärtner herausgewachsen, wie Topinambur, Mahonie, wilder Flieder, Kamtschatkaknöterich, Taubenhyazinthe oder Szilla. Die Mülldeponie ist ebenfalls ein Relikt menschlicher Kultur oder besser Unkultur. Als der seit etwa 1870 betriebene Torfabbau vor ziemlich genau 100 Jahren zu Ende ging, wollte der Pächter der Flächen, ein Herr Koepchen, „diese nutzlose Landschaft einem Nutzen zuführen“ und ließ sie mit Müll vollkippen – bis 1962 rund 1,5 Millionen Tonnen.

Der Neuntöter dankt

Doch in vielen Bereichen hilft sich die Natur selbst, sodass besonders am ehemaligen Grenzweg die freie Sukzession – die natürliche Wiederbesiedelung – über 30 Jahre gut zu beobachten ist. Neben Weißdorn, Wildapfel, Wildpflaume, Ahorn entwickelten sich besonders Hartriegel, Brombeere, Zitterpappel, Weide, Schlehe. Ganz auffällig ist dies bei den Eichen zu sehen. Kurz hinter dem früheren Sperrzaun steht eine kräftige alte Eiche auf Westberliner Gebiet. Sie ist die Mutter von vielleicht 50 Sämlingen im gesamten Naturschutzgebiet, ausgebreitet von Eichelhähern und Eichhörnchen. Aber auch schnell wachsende „Gäste“ wie Robinie, Eschenahorn und Amerikanische Traubenkirsche waren sofort zur Stelle und machen heute anderen Gehölzen das Überleben schwer.

Seit 1995 ist das 60 Hektar große Areal Naturschutzgebiet, wegen seiner Restmoorflächen (Durchströmungsmoor), aber auch wegen des Mosaiks von Kleinstbiotopen wie Trockenrasen, alten Obstplantagen, Wiesen und Heckenstrukturen – zum Teil nachgepflanzt. Dies danken der Neuntöter – eine große Seltenheit in Berlin – und viele andere Hecken- und Bodenbrüter. An das Naturschutzgebiet angrenzende Flächen wurden an Lübarser Bauern verpachtet, die darauf Pferdefutter anbauen. Leider wurde im Pachtvertrag nicht auf Ökologie geachtet, sodass jedes Jahr mit Glyphosat oder anderen Ackergiften die spontane Vegetation ausgerottet wird, ehe man Roggen, Mais, Raps oder Hafer anbaut sowie kräftig düngt und spritzt.

Ehrenamtlicher Naturschutz wenig geachtet

Sie merken sicher beim Lesen, dass ich „mein“ Naturschutzgebiet liebe. Doch zu einigen Punkten habe ich ein recht zwiespältiges Verhältnis, wie Wegebau, Abzäunungen, Wasserhaltung im Köppchensee oder Mahd der Wegränder. Leider wurde der ehrenamtliche Naturschutz von den Behörden nicht sonderlich geachtet, gefördert oder gewürdigt. 30-jährige Erfahrungen und Kenntnisse wurden nirgends abgefragt oder in Planungen einbezogen, die Kontakte gingen gegen null. Inzwischen breiten sich Robinie, wilder Hopfen oder Schierling großflächig aus und werden nicht mehr wie früher von Ehrenamtlichen gerodet. Von der Grünen Liga und dem Naturschutzbund NABU bekam ich genug Anerkennung, um nicht zu resignieren. Bis 2003 habe ich die monatlichen Arbeitseinsätze von Grüner Liga und NABU in Abstimmung mit der obersten Naturschutzbehörde geleitet, inzwischen liegen sie in der Obhut von Katrin Koch vom NABU.

Der nur 70 Zentimeter tiefe See ist Nahrungsgebiet für Enten, Gänse, Reiher, Kormorane und Schwäne sowie besonders im Frühjahr und Herbst verlockend für viele weitere Gäste wie zum Beispiel Reiherenten. Leider ziehen die Brutvögel des Gebietes von Jahr zu Jahr weniger Jungvögel auf, fast keine Stockenten, vier Jahre keine Jungen beim Höckerschwan, einmal eine Schellentenfamilie, nur zwei junge Bläßrallen 2021, Misserfolg bei den Rothals- und Haubentaucherbruten. Auch sind viele Vogelarten verschwunden, wie Beutelmeise, Schafstelze, Braunkehlchen, Uferschwalben, Rohrweihe oder Feldschwirl. Vielleicht liegt es aber auch an meinem Alter, dass ich manches nicht mehr entdecke.

Lauschen und staunen

Trotzdem bin ich fast jeden Montag draußen, um zu beobachten und zu entspannen. Zum Glück gibt es immer noch genug zu bestaunen und zu belauschen, wie Kuckuck und Pirol, viele Grasmücken, Teichhühner, Nachtigallen, Fasane, Zaunkönige, Libellen, Frösche, Ringelnattern, Singdrosseln und viele Amseln im Herbst in den Beeren der Hecken. Ich genieße „meinen“ großen Garten und hoffe, dass mir dies auch noch weitere Jahre gelingt. Zu jeder Jahreszeit ist etwas zu erleben. Kommen Sie mit!

Wolfgang Heger 

Jahresendwanderung am Köppchensee: Treffpunkt Samstag, 25.12.2021, 10.10 Uhr, Haltestelle Bus 107 Am Wäldchen in Blankenfelde. Anfahrt: Tram M1 (z.B. ab Friedrichstraße) Richtung Niederschönhausen/Schillerstraße bis Haltestelle Waldstraße, dann Umstieg in Bus 107 Richtung Schildow.

* In der gedruckten Ausgabe steht fälschlicherweise „Zweiter Weihnachtstag“. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen!

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