Von „fairen“ Preisen und Wortakrobaten / Neues vom alternativen Kaffeehandel

Aus DER RABE RALF Dezember 1995/Januar 1996

Der „faire Preis“ für Kaffee ist ein Kapitel für sich, oder besser gesagt, er ist relativ. Mit den extremen Schwankungen der Weltmarktpreise für Rohkaffee ändern sich nicht nur die Existenzbedingungen der KaffeeproduzentInnen, sondern auch die Auffassung der „fairen Händler“ darüber, welchen Preis sie als „fair“ zu zahlen bereit sind.

In der Zeit zwischen 1987 und April 1994 lag der Weltmarktpreis (Börse New York) für ein Libra1 Rohkaffee dauerhaft unter 1,20 US$, dem Mindestpreis des Weltkaffeeabkommens, das bis 1989 gültig war und von der tatsächlichen Weltmarktentwicklung hinweggefegt wurde.2 Spätestens seit 1989 galt in „fairen“ Kreisen, die früher das Weltkaffeeabkommen als ausbeuterisch kritisiert hatten, die 1,20-$-Grenze plötzlich als „fair“ – die „fairen Händler“ rühmten sich, darauf noch einen Mehrpreis von 6-12 Cent (5-10%) zu zahlen. Was man bei TransFair3 im Falle steigender Weltmarktpreise für „fair“ hält, zeigte sich in der vertraglichen Regelung zwischen TransFair und seinen Lizenznehmern: Lag der Weltmarktpreis zwischen 1,15 $ und 1,65 $, nahm die Mehrzahlung kontinuierlich von 10% bis auf Null ab, d.h. ab 1,65 $ war der Weltmarktpreis „fair“ genug für die ProduzentInnen (und der Kapitalismus prima). Nun liegt der Weltmarktpreis seit Mitte 1994 über jener magischen Gerechtigkeitsgrenze, also zahlten TransFair-Siegelnehmer keinen Penny mehr als die bösen (anderen) kommerziellen Händler.

Neue Preise bei der gepa

Zwar hat man sich kürzlich zu einer Revision entschlossen, doch ändert diese am Ergebnis nichts: Der neue Aufschlag von 5 Cent auf den Weltmarktpreis, der auch über 1,65 $ hinaus gezahlt wird, entspricht in etwa dem sogenannten „Qualitäts-Differential“, das kommerzielle Händler für den hochwertigen mittelamerikanischen Kaffee ebenfalls zahlen. Um nicht in diese Preisklasse zu geraten, hat man sich bei der gepa4, die ihre Kaffees auch mit dem TransFair-Siegel schmückt, etwas neues ausgedacht: Der gepa-Infodienst schreibt in Nr. 4/95:

„Die neue Regelung, die mit Beginn des Kaffee-Jahres zum 1.10.95 in Kraft tritt, sieht so aus: Solange der Weltmarktpreis für Rohkaffee einen definierten Mindestpreis für Rohkaffee nicht unterschreitet [je nach Qualität zwischen 1,01 $ und 1,21 $ – d.A.], zahlt die gepa, wie auch schon im Kaffeejahr 1994, den Weltmarktpreis plus Aufschlag. Neu ist jetzt, daß der Aufschlag  nicht mehr 10% des Einkaufspreises beträgt, sondern als feste Summe von 10 US$ pro 100 amerikanische Pfund Rohkaffee gezahlt wird [also 10 Cent pro Libra – d.A.]. Damit stehen die Produzenten im Fall sinkender Weltmarktpreise günstiger da, weil der Aufschlag nicht mitsinkt. Bei höheren Preisen ist es wiederum nicht so notwendig, den Aufschlag prozentual mitzusteigern, da die Produzenten dann ja ohnehin mehr für ihren Kaffee bekommen. […] Der zusätzlich zum Regelaufschlag gezahlte ‚Bio-Bonus‘ für Kaffee aus anerkannt ökologischem Anbau beträgt 15 US$ pro 100 amerikanische Pfund.“

Aha. Aber stimmt denn die (von mir hervorgehobene) Aussage der gepa, bei sinkenden Weltmarktpreisen stünden die Produzenten günstiger da? Von notorischen gepa-Kritikern wird dies bestritten – mit dem zynischen Kommentar, die gepa appelliere an den „mathematischen Schwachverstand“ der Kunden, wenn sie schreibe, 10 Cent seien mehr als 10% von 1,20 $. Doch die Wahrheit ist: Genau wie der „faire Preis“ absolut relativ ist, ist auch diese Aussage relativ. Es kommt nur darauf an, worauf sie sich bezieht. Die Kritiker unterstellen offenbar, daß sich die Aussage auf die Situation vorher bezieht, als die gepa noch einen Mehrpreis von 10% des Weltmarktpreises zahlte. In diesem Fall ist ihnen natürlich zuzustimmen: Sobald der Preis über 1,00 $ liegt, bekommen die Produzenten weniger als 10% Mehrpreis, stellen sich also ungünstiger (z.B. bei momentan 1,70 $ nur 10 statt 17 Cent). Jedoch: Dies haben die Formulierungskünstler von der gepa vielleicht gar nicht gemeint! Betrachten wir noch einmal den Wortlaut: „Damit stehen die Produzenten im Fall sinkender Preise günstiger da, weil…“. Kein „als“! Das „als“, den Vergleichsmaßstab, müssen wir uns dazudenken. Und denken wir uns z.B. ein „als bei steigenden Preisen“ dazu, dann stimmt es wieder: „…weil der Aufschlag nicht mitsinkt“! Was kann die gepa dafür, wenn ihre verbohrten Kritiker sich ein „als früher“ dazudenken!

Wir sind also so schlau wie zuvor: alles ist relativ mit der Fairneß und der Gerechtigkeit.

10 Prozent statt 10 Cent

Im „Alternativen Handel“ (wozu wir z.B. den Biohändler Lebensbaum5 nicht zählen wollen, der auch Mexiko-Kaffee von einer Plantage in Chiapas bezieht, wo ein deutscher Großgrundbesitzer seine ArbeiterInnen unter neokolonialen Bedingungen schuften läßt) wird zur Zeit Mexiko-Bio-Kaffee von folgenden Organisationen angeboten: Von der gepa, importiert von Kooperativen UCIRI und ISMAM mit TransFair-Siegel zu den neuen gepa-Konditionen; von Venceremos (Café Organico von ISMAM) und von EL PUENTE (Café Sonrisa von Etnías Michizá) zu den Bedingungen der MITKA: Weltmarktpreis + 5 Cent Qualitätszuschlag („Differential“) + 10% Mehrpreis + 15 Cent Bio-Aufschlag.

Thorsten Lampe

1 amerikanisches Pfund; 1 Libra  = 454g

2 Eine ausführliche Analyse findet sich in der Zeitschrift UMBRÜCHE Nr.11-12/94.

3 TransFair ist ein Gütesiegel, das jeder Kaffeeanbieter erlangen kann, der Kaffee von bestimmten Kleinbauern zu einem festgelegten Mindestpreis kauft (siehe Teil 1).

4 siehe Teil 4

5 siehe Teil 5

 

Kaffee MAM von der ISMAM

Eine Selbstdarstellung

Der Kaffee MAM wird von der ISMAM (Indígenas der Sierra Madre de Motozintla) angebaut. Die Kooperative von Bauern der Tzetzal und Moche aus dem Hochland von Chiapas (Mexiko) ist nach grundlegenden demokratischen Prinzipien organisiert.

Organischer Anbau

Die ISMAM-Bauern arbeiten nach den Anforderungen des biologischen Landanbaus, wie z.B. Terrassenanbau und biodynamische Kompostierung. In allen Produktionsstufen, wie Reinigung, Röstung, Trocknung, Lagerung, wird auf Chemie ver­zichtet. Erst nach dem dritten Jahr des biologischen Anbaus wird der Kaffee als organisch klassifiziert (in Deutschland Naturland).

Kampf für Pestizidverbot

Von jedem Pfund verkauftem Kaffee MAM werden 20 Cent der Northwest Coalition for Alternatives to Pesti­cides (NCAP) gespendet. Diese bemüht sich seit mehr als 15 Jahren erfolgreich, die Pestzidverwendung in der Landwirtschaft zu verringern. NCAP berät über Alternativen zu Pestiziden, unterstützt Pestizid-Geschädigte und organisiert den Kampf für ein gesetzliches Verbot von Pestiziden.

Eine Vielzahl von Pestiziden sind zwar in den Industrieländern nicht mehr erlaubt, doch ihre Verbreitung in den Ländern der 3. Welt ist noch immer ungebremst. Viele nicht-biologisch anbauende Kaffeeanpflanzer verwenden regelmäßig giftige Substanzen. ISMAM-Bauern nutzen keine chemischen Düngemittel, sondern Kompost. Anstelle von Insektiziden gebrauchen sie die natürlichen Feinde der Schädlinge. Unkraut wird gejätet und nicht besprüht.

Schutz des Regenwaldes

ISMAM bewahrt die Vielfalt des Regenwaldes, indem sie Kaffee nicht als Monokultur anbaut. Wege und Rinnen werden so befestigt, daß Erosion vermieden wird. Der Terrassenanbau fängt das Regenwasser auf und vermeidet das Wegschwemmen von Saatboden.

Soziale Verantwortung

Der meiste Kaffee – auch mancher organische – wird auf großen Plantagen angebaut. Die Arbeiter erhalten nur geringe Löhne. ISMAM-Bauern arbeiten auf ihren eigenen Feldern; es gibt prinzipiell keine Lohnarbeiter. Landlose Flüchtlinge erhalten Land. Jedes Vollmitglied hat die gleichen Arbeiten zu verrichten.

Jeder Kaffeebauer wird nach seiner Arbeit bezahlt, nicht nach dem Ertrag seiner Felder. Die Felder sind von ½ bis 5 ha groß. Die Summe, die jeder Bauer erhält, vergrößert sich, je mehr Felder organisch bearbeitet werden. Die Mitglie­derzahl von ISMAM stieg in sechs Jahren von 59 auf über 1.300. Die Leitung der Kooperative wird jährlich gewählt. Durch das Rotationsprinzip kann niemand wiedergewählt werden; damit wird Ausbeutung vorgebeugt.

Die Bauern arbeiten in Zehnergruppen zusammen. Alle Berechnungen und Arbeiten basieren auf der Summe ihrer Felder. Jede Gruppe entsendet einen Vertreter in den Kongreß der Kooperative, in dem sie zusammen mit 9 Technikern und Sprechern (selbst Mitglieder und von den Mitgliedern gewählt) sitzen

ISMAM steht für folgende Ziele:

  • Direktvertrieb (keine Zwischenhändler)
  • Selbstversorgung, politische Unabhängigkeit
  • demokratische Entscheidungsfindung innerhalb der Gemeinschaft
  • Entwicklung ländlicher Infrastruktur
  • Kindesfürsorge einschließlich Erziehung und Ernährung
  • Bewahrung indigener Kultur und Identität
  • Schutz der Wälder, Flüsse und tropischen Tierwelt

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